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Das Meisterwerk der deutschen Moralistik

Beitrag 23: Robert Zimmer über Arthur Schopenhauers
Aphorismen zur Lebensweisheit

Ganz er selbst sein darf jeder nur, solange er allein ist: wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wenn man allein ist, ist man frei.

Für unser Lebensglück ist demnach Das, was wir sind, die Persönlichkeit, durchaus das Erste und Wesentlichste.

Der Wert des Nachruhms liegt also im Verdienen desselben, und dieses ist sein eigener Lohn.

Kein Werk Schopenhauers hat eine derart breite Leserschaft gefunden wie seine Aphorismen zur Lebensweisheit – und keine seiner Schriften ist von der Fachwelt so wenig gewürdigt worden. Für die Verbreitung der Schrift, die als Teil seiner 1851 erschienenen Parerga und Paralipomena den Ruhm Schopenhauers noch zu Lebzeiten begründete, gibt es einen eindeutigen Grund: In einer sprachlich ebenso eleganten wie verständlichen Form widmet sich Schopenhauer hier einem eminent lebenspraktischen Thema, nämlich, wie er im Vorwort ankündigt, der Lebensweisheit im Sinne der „Kunst, das Leben möglichst angenehm und glücklich durchzuführen.“| 1 | Die akademische Philosophie hingegen tut sich mit den Aphorismen dagegen seit jeher schwer. Die aus Essays, kurzen Prosastücken und Maximen locker zusammengestellte Schrift scheint sich einer systematischen Problemdiskussion zu entziehen und sich nur schwer an die pessimistische Metaphysik seines frühen Hauptwerks Die Welt als Wille und Vorstellung anbinden zu lassen.| 2 | Dort hatte Schopenhauer die Grundbefindlichkeit des vom Willen getriebenen Daseins als Leiden charakterisiert und die Möglichkeit eines glücklichen Lebens verneint. Nur in der Willensverneinung gab es für ihn die Möglichkeit einer Erlösung vom Leid: kurzfristig in der reinen, willensfreien Erkenntnis der ästhetischen Kontemplation, dauerhaft in der Ausschaltung des Willens durch Askese, einer Lebensform, die aber nur von wenigen „Heiligen“ verwirklicht wird. Wie lässt sich, so lautet daher eine der am häufigsten gestellten Fragen, der metaphysische Pessimismus mit dem Anspruch einer Eudämonologie verbinden?
Schopenhauer selbst beantwortet diese Frage, indem er das Projekt einer pessimistischen Eudämonologie entwirft, einer Glückslehre also, die Glück nur in einer negativen Form für möglich hält. Für ihn knüpfen die Aphorismen an den Pessimismus des Hauptwerks an, indem sie Glück auf die Abwesenheit von Schmerz und Langeweile beschränken:

Kommt zu einem schmerzlosen Zustand noch die Abwesenheit der Langeweile; so ist das irdische Glück im Wesentlichen erreicht: denn das Übrige ist Chimäre.| 3 |

Doch führt er dieses Projekt keineswegs konsequent durch. Die Aphorismen enthalten neben ihren Rückzugs- und Weltentsagungsstrategien durchaus Vorschläge zur Kultivierung positiven Lebensgenusses| 4 | und gehen damit über eine rein pessimistische Eudämonologie, eine Unglücksvermeidungslehre, hinaus. Im Bewusstsein, dass der Weg asketischer Weltentsagung nur Wenigen möglich ist, lassen sie die Frage einer Willensverneinung außen vor und begeben sich auf den Standpunkt der praktischen Lebensbewältigung. Hier stellt sich für alle die Frage einer vernunftgesteuerten Weltklugheit, die diejenigen Glücksquellen ausschöpft, die in einer von Leiden geprägten Welt doch noch möglich sind. So enthalten die Aphorismen eine der Metaphysik keineswegs widersprechende, sondern sie ergänzende, pragmatische Lebenskunstlehre, die auf die Frage antwortet: Welches Lebensglück kann ich erreichen, wenn ich mich auf die Welt einlasse, so wie sie ist?| 5 |
Damit ordnen sie sich in die von Montaigne begründete neuzeitliche Tradition der Moralistik ein, die an die säkularen Weisheitslehren der Antike anknüpft und sich vor allem im romanischen Sprachraum entwickelte| 6 |. Wie kaum ein anderer Philosoph hat Schopenhauer die moralistische Tradition während seines gesamten Schaffens rezipiert| 7 |. Ein Zeugnis dafür ist die ausgiebige Beschäftigung mit dem Werk Graciáns, aus der u.a. die bis heute klassische Übersetzung des Oráculo manual hervorging. Genau in jener Zeit, als Schopenhauers Existenz zwischen dem Bedürfnis nach einer akademischen Karriere und der Hinwendung zu einer freien Autorenexistenz schwankte, also von 1822 an bis zum Umzug nach Frankfurt im Jahr 1833, entstanden auch jene fragmentarischen Aufzeichnungen zu einer Eudämonologie, die als eine Vorform der Aphorismen gelten können und von Franco Volpi inzwischen veröffentlicht wurden.| 8 | Es handelt sich um eine Sammlung von 50, an Gracián orientierten Maximen, die vor allem in jenen Teil der Aphorismen eingeflossen sind, den Schopenhauer als „Paränesen und Maximen“ betitelt hat. Auch das 1821 begonnene, im Nachlass aufgefundene und ebenfalls von Franco Volpi rekonstruierte Notizheft „Eis heautón“ enthält Passagen und Formulierungen, die in den späteren Aphorismen übernommen wurden.| 9 |
Wie der gesamten moralistischen Tradition geht es Schopenhauer um eine Bestandsaufnahme der condition humaine und um Regeln einer Lebensführung, die unmittelbar an praktische Lebenserfahrung anknüpfen. Wer jenes Glück, das möglich ist, erreichen will, muss Menschenkenntnis mit strategischer Klugheit verbinden lernen. Moralistische Betrachtungen in diesem Sinn durchziehen das gesamte Werk Schopenhauers.| 10 |
Dabei lassen sich die Aphorismen nicht auf „Aphorismen“ im strengen gattungstypologischen Sinn reduzieren. Der Titel ist zum einen als Hinweis auf die aphoristische Struktur der Schrift insgesamt zu verstehen, er deutet aber auch auf die Moralistik als diejenige Tradition, in der der Aphorismus eine zentrale Rolle als Reflexionsinstrument spielt. Literarisch dominiert in den Aphorismen allerdings die essayistische Darstellungsform, wie sie ebenfalls, von Montaigne an, für die Moralistik charakteristisch ist.
Mit anderen Worten: Kein anderes Werk der deutschen Sprache hat vorher und nachher sich literarisch und philosophisch so bewusst an die moralistische Tradition angelehnt und sich dem moralistischen Kernthema Weltklugheit mit solch stilistischer Kunstfertigkeit gewidmet. Mit seinen Aphorismen zur Lebensweisheit hat Schopenhauer in Wahrheit kein Nebenwerk hinterlassen, sondern das Meisterwerk der deutschen Moralistik, eine der Tradition Montaignes, Graciáns, La Rochefoucaulds, La Bruyères und Chamforts verpflichtete Philosophie der Lebenskunst, die die in seiner Ethik formulierte Erlösungslehre durch eine Weltklugheitslehre ergänzt. Die Aphorismen müssen deshalb neben den moralphilosophischen Schriften Schopenhauers als der zweite Eckpfeiler seiner praktischen Philosophie betrachtet werden.
Auch die von Schopenhauer plakativ vertretene pessimistische Anthropologie, die im Egoismus und im „amour propre“, der „Eigenliebe“, einen wesentlichen Antrieb menschlichen Handelns sieht, knüpft nahtlos an die moralistische Tradition an, wie sie u.a. von Gracián und La Rochefoucauld vertreten wird, den beiden Moralisten, die Schopenhauer am nächsten standen und von ihm am meisten zitiert werden. Weltklugheit muss sich auf die „erbärmliche Subjektivität des Menschen“| 11 | einstellen:

Die meisten Menschen sind so subjektiv, dass im Grunde nichts Interesse für sie hat, als ganz allein sie selbst.| 12 |

Schopenhauer setzt in den Aphorismen zwei Schwerpunkte: In den ersten Kapiteln beschäftigt er sich mit der Wert- und Güterlehre: Man kann ein Leben danach beurteilen, was einer ist, was einer hat und was einer vorstellt, d.h. welche Rolle er in den Augen der Welt spielt. In den darauf folgenden „Paränesen und Maximen“ wiederum konzentriert er sich auf konkrete Lebensanleitungen. Beschlossen wird die Schrift durch ein Kapitel über das Verhältnis von Lebensweisheit und Lebensalter.
Bereits das Motto, das Schopenhauer den Aphorismen voranstellt, Chamforts „ Le bonheur n'est pas chose aisée : il est très difficile de le trouver en nous, et impossible de le trouver ailleurs. “ [dt.: Das Glück ist keine einfache Sache: es ist sehr schwierig, es in uns und unmöglich es außerhalb zu finden], gibt bereits einen Hinweis darauf, in welche Richtung seine moralistischen Reflexionen gehen. Zwar ist für Schopenhauer, wie für alle Moralisten, die Wahrung der eigenen Autonomie die entscheidende Voraussetzung für ein glückliches Leben. Gegenüber der klassischen spanischen und französischen Moralistik des 17. Jahrhunderts verwirklicht sich ein solches Leben aber nicht mehr im strategisch geschickten Umgang mit dem gesellschaftlichen Rollenspiel, sondern im weitgehenden Rückzug aus der Gesellschaft. Für die Moralisten des 17. Jahrhunderts waren Sein und Schein nicht dichotomisch getrennt. Ohne Beherrschung der zugefallenen sozialen Rolle war die Welt nicht zu meistern. Das Verhaltensideal war in der spanischen Moralistik der „discreto“, in der französischen Moralistik der „honnête homme“, der erfahrene, unterscheidungsfähige und kluge Weltmann, der die Spielregeln einer eitlen Welt beherrscht und es versteht, sie zu seinen eigenen Gunsten zu manipulieren. „ C'est une grande folie de vouloir être sage tout seul “| 13 | [dt.: Es ist eine große Dummheit ganz allein weise sein zu wollen.] schreibt La Rochefoucauld, um zu verdeutlichen, dass eine kluge Lebensführung sich notwendigerweise im Einklang mit der Gesellschaft und nicht gegen sie verwirklicht.
Auch Schopenhauer kennt dieses Ideal des „klugen Weltmanns“ und weiß um die Bedeutung gesellschaftlicher Umgangsformen, wie seine Bemerkungen zur Höflichkeit zeigen:

Höflichkeit ist Klugheit; folglich ist Unhöflichkeit Dummheit. Sich mittels ihrer unnötiger- und mutwilligerweise Feinde machen ist Raserei, wie wenn man sein Haus in Brand steckt. Denn Höflichkeit ist, wie die Rechenpfennige, eine offenkundig falsche Münze: mit einer solchen sparsam sein, beweist Unverstand.| 14 |

Dennoch vollzieht er wie Chamfort eine Abkehr von der Gesellschaft und damit vom Konzept der Urbanität, wie es am sichtbarsten in La Bruyères Caractères entwickelt worden war.| 15 | Der wahre Weltkluge sucht die Einsamkeit. Es fällt ihm schwer, es in trivialer Gesellschaft auszuhalten und die Höflichkeit mit seinem Stolz zu vereinbaren. Deshalb singt Schopenhauer das Hohe Lied des autonomen Privatiers, der sich die Gesellschaft vom Hals hält:

Kein verkehrterer Weg zum Glück als das Leben in der großen Welt, in Saus und Braus.| 16 | – Ganz er selbst sein darf jeder nur, solange er allein ist: wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wenn man allein ist, ist man frei.| 17 |

So ist es konsequent, dass für Schopenhauer das, was einer ist, sehr viel wichtiger ist als das, was er in der Gesellschaft vorstellt. Im Mittelpunkt der Aphorismen steht die Entwicklung und Selbstbehauptung der Persönlichkeit, das also, was Einer an sich selber hat| 18 |. Mit der Persönlichkeit steht und fällt eine kluge Lebensführung:

Für unser Lebensglück ist demnach Das, was wir sind, die Persönlichkeit, durchaus das Erste und Wesentlichste.| 19 |

Vor allem in der Kultivierung der Persönlichkeit liegen diejenigen Elemente einer Eudämonologie, die über eine Unglücksvermeidungslehre hinausgehen.| 20 | Quelle eines positiv glücklichen Lebens ist vor allem der „innere Reichtum, der Reichtum des Geistes“| 21 |. Das Bedürfnis, in der Welt des Geistes und das Bedürfnis in Einsamkeit zu leben, sind für Schopenhauer zwei Seiten derselben Medaille. Der geistvolle Mensch kann nie ein Massenmensch sein. Er ist „einem Virtuosen zu vergleichen, der sein Konzert alleine aufführt.“| 22 | In einem solchen „Konzert“ geschieht mehr als nur das Fernhalten von Schmerz. Auch der schmerzfreie, aber leere Zustand der Langeweile wird hier überwunden und zu einem positiven „Genuss“ geführt: „Ein solcher innerlich Reicher bedarf von außen nichts weiter, als eines negativen Geschenks, nämlich freier Muße, um seine geistigen Fähigkeiten ausbilden und entwickeln und seinen inneren Reichtum genießen zu können.“| 23 | Je ärmer hingegen jemand an Geist, um so mehr versucht er die Langeweile durch Zerstreuung zu überdecken, eine Beobachtung, die man in der klassischen Moralistik schon bei Pascal und La Bruyère findet. Kunst und Kultur, und insbesondere ästhetische Erfahrungen und der Umgang mit der Welt der Philosophie sind für Schopenhauer positive Glücksquellen, die allerdings nur denen offen stehen, die dafür sensibilisiert sind.
Die wichtigsten Güter, die der sich in Einsamkeit und geistiger Betätigung selbst genießende Weltkluge erlangen kann, sind Heiterkeit, Gesundheit und Gemütsruhe, wobei alle drei in einem engen Zusammenhang miteinander stehen. Gesundheit ist die physiologische Basis einer heiteren und gelassenen Einstellung gegenüber dem Leben. Die „Heiterkeit des Sinns“ ist für Schopenhauer eine Eigenschaft, die „sich unmittelbar selbst belohnt“, also mit jenem Zustand des Glücks identifiziert wird, über den es hinaus es nichts mehr zu wünschen gibt. Schopenhauer orientiert sich in der Beschreibung der Heiterkeit und Gemütsruhe erkennbar an der selbstbezüglichen Kontemplation, die in sowohl in der platonischen als auch in der aristotelischen Tradition begegnet, aber auch an dem von der Stoa formulierten Ziel des „einstimmigen Lebens“ und der „Apathia“, der von Affekten freien Seelenruhe. Sie ist nun aber nur noch dem sich in der Welt des Geistes einrichtenden Solitärs zugänglich:

Überhaupt kann Jeder im vollkommensten Einklange nur mit sich selbst stehn; nicht mit seinem Freunde, nicht mit seiner Geliebten: denn die Unterschiede der Individualität und Stimmung führen allemal eine, wenn auch geringe, Dissonanz herbei. Daher ist der wahre, tiefe Friede des Herzens und die vollkommene Gemütsruhe, dieses, nächst der Gesundheit, höchste irdische Gut, allein in der Einsamkeit zu finden und als dauernde Stimmung nur in der tiefsten Zurückgezogenheit.| 24 |

Was einer ist und was einer vorstellt, überhaupt der gesamte Bereich sozialer Beziehungen wird bei Schopenhauer dagegen zu einer von der geistigen Selbstgenügsamkeit abhängigen Größe. Schopenhauer, der sein eigenes ererbtes Vermögen klug im Dienste geistiger Unabhängigkeit anlegte, lehnt Reichtum keineswegs ab, sondern sieht die materielle Absicherung als „Schutzmauer“ gegen die Unbillen der Welt. Auf Frau und Kind hingegen kann man verzichten:

Zu Dem, was Einer hat, habe ich Frau und Kinder nicht gerechnet; da er von diesen vielmehr gehabt wird.| 25 |

Das, was jemand in der Welt vorstellt, kristallisiert sich in den Begriffen Ehre, Rang und Ruhm und ist als „die Meinung der Anderen“ zumeist Gegenstand einer kritischen bis ablehnenden Auseinandersetzung.| 26 | Der konventionelle Ehrbegriff, der sich in der klassischen moralistischen Tradition im Begriff der „honnêteté“ durchaus noch partiell erhalten hatte, wird bei Schopenhauer lediglich in der Form der „bürgerlichen Ehre“ gerechtfertigt, die der Wahrung unserer moralischen Reputation dient und deshalb zu beachten ist. Kritisch ist auch seine Haltung gegenüber dem Ruhm:

In eudämonologischer Hinsicht ist also Ruhm nichts weiter, als der seltenste und köstlichste Bissen für unseren Stolz und unsere Eitelkeit.| 27 |

Und doch lässt der zu Lebzeiten von der Öffentlichkeit meist verschmähte Philosoph durchblicken, dass er dem Nachruhm, der den großen Geistern zuteil wird, durchaus eine Sonderstellung einzuräumen bereit ist, weil er auf einer echten Leistung beruht:

Der Wert des Nachruhms liegt also im Verdienen desselben, und dieses ist sein eigener Lohn.| 28 |

Schopenhauers Weltklugheitslehre in den Aphorismen führt den Menschen nicht in die Welt hinein, sondern an die Ränder, wo er sich, beobachtend und absichernd, aus den Händeln der Zeit heraushält und sich der geistigen und kulturellen Möblierung seiner Existenz widmet:

Gegen die täglichen Hudeleien, kleinlichen Reibungen im menschlichen Verkehr, unbedeutende Anstöße, Ungebührlichkeiten Anderer, Klatschereien u. dgl. m. muss man ein gehörnter Siegfried sein, d.h. sie gar nicht empfinden, viel weniger sich zu Herzen nehmen und darüber brüten; sondern von dem Allen nicht an sich kommen lassen, es von sich stoßen, wie Steinchen, die im Weg liegen, und keineswegs es aufnehmen in das Innere seiner Überlegung und Rumination.| 29 |

Aber der Schopenhauerschen Weisheit stehen dennoch positive Glückserfahrungen offen: Sie liegen jedoch nicht im sozialen, sondern im geistigen und kulturellen Bereich. Gerade die Abkehr von einem bestimmten sozialen Verhaltensideal macht Schopenhauers Aphorismen aber offen für eine individualisierte und zugleich globalisierte Welt. Sie können als Versuch gelesen werden, die autonome Verfügung des Individuums über seine Lebensgestaltung auch an der Schwelle der Moderne zu retten, wo sich mit der Auflösung der Standesschranken auch die Unübersichtlichkeit sozialer Lebensbezüge abzuzeichnen begann.
Auch die alten Freunde Schopenhauers können in den Aphorismen zur Lebensweisheit noch ein großes Werk entdecken: Dass der wichtigste deutsche Beitrag zur Tradition der europäischen Moralistik endlich als solcher gewürdigt wird, ist mehr als überfällig.

R. Zimmer, 30. Dezember 2007

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  | 1 | Arthur Schopenhauer, Zürcher Ausgabe [= ZA], Werke in zehn Bänden, Zürich: Diogenes, 1977, Bd. VIII, S. 343.

  | 2 | Vgl. Volker Spierling, Arthur Schopenhauer. Eine Einführung in Leben und Werk, Leipzig 1998 (orig. Frankfurt 1994), S. 218: „In der Sekundärliteratur zu Schopenhauer fehlt bis heute eine umfassende Erörterung des philosophischen Zusammenhangs von seinem Hauptwerk und seinen Aphorismen.“

  | 3 | ZA, Bd. VIII, S. 443.

  | 4 | Siehe dazu insbesondere Martin Morgenstern, Schopenhauers Lehre vom Glück, in: Aufklärung und Kritik, Sonderband 14, 2008, insbesondere S. 127 ff.

  | 5 | Vgl. Morgenstern (2008), S. 119. „Mit der Glückslehre der Aphorismen werden daher die zentralen metaphysisch-ethischen Lehren vom Elend des Daseins und von der Erlösung keineswegs zurückgenommen. Glückslehre und Erlösungslehre werden jedoch zwei verschiedenen Stufen zugeordnet: Die Erlösungslehre beschreibt die Stufe der Willensverneinung [...] In der Glückslehre tritt Schopenhauer demgegenüber eine Stufe zurück auf den Standpunkt der alltäglichen Lebensbejahung[...]“.

  | 6 | Zur Stellung Schopenhauers innerhalb der europäischen Moralistik vgl. R. Zimmer, Die europäischen Moralisten zur Einführung, Hamburg 1999, S. 134ff.

  | 7 | Franco Volpi erwähnt Schopenhauers „tagtägliche Lektüre der neuzeitlichen Moralistik“, in: Franco Volpi, „Einleitung“, in: Arthur Schopenhauer, Die Kunst, sich selbst zu erkennen, München 2006, S. 12.

  | 8 | Arthur Schopenhauer, Die Kunst, glücklich zu sein. Dargestellt in fünfzig Lebensregeln, herausgegeben von Franco Volpi, München 1999.

  | 9 | Siehe Arthur Schopenhauer, Die Kunst, sich selbst zu erkennen, herausgegeben von Franco Volpi, München 2006.

| 10 | Vgl. Hans Peter Balmer, Philosophie der menschlichen Dinge. Die europäische Moralistik, Bern 1981, S. 155: „In Schopenhauers Werk verflechten sich Moralistik und Philosophie von Anfang bis Ende aufs Engste.“

| 11 | ZA, Bd. VIII, S. 490.

| 12 | ZA, Bd. VIII, S. 489.

| 13 | La Rochefoucauld, Maximes et Reflexions, 231.

| 14 | ZA, Bd. VIII, S. 504.

| 15 | Siehe dazu R. Zimmer, Kartograph der Urbanität. Über Jean de La Bruyère (Beitrag 21).

| 16 | ZA, Bd. VIII, S. 457.

| 17 | ZA, Bd. VIII, S. 357f.

| 18 | ZA, Bd. VIII, S. 352.

| 19 | ZA, Bd. VIII, S. 349.

| 20 | Vgl. Morgenstern (2008), insb. S. 128ff.

| 21 | ZA, Bd. VIII, S. 360.

| 22 | ZA, Bd. VIII, S. 461.

| 23 | ZA, Bd. VIII, S. 372f.

| 24 | ZA, Bd. VIII, S. 459.

| 25 | ZA, Bd. VIII, S. 385.

| 26 | Vgl. hierzu auch Rosemarie Neumeister, „Schopenhauer und die ,Meinung der anderen’“, in: Dieter Birnbacher (Hrsg.) Schopenhauer in der Philosophie der Gegenwart, Beiträge zur Philosophie Schopenhauers, Bd. 1, Würzburg 1996, S. 125-137.

| 27 | ZA, Bd. VIII, S. 434.

| 28 | ZA, Bd. VIII, S. 436.

| 29 | ZA, Bd. VIII, S. 516.

Über Schopenhauer

» Martin Morgenstern: „Schopenhauers Lehre vom Glück“, in: Aufklärung und Kritik, Sonderheft 14/2008, S. 116-135.

» Arthur Schopenhauer, Die Kunst, sich selbst zu erkennen. Herausgegeben von Franco Volpi.

» Robert Zimmer, Die europäischen Moralisten zur Einführung.

» Arthur Schopenhauer, Die Kunst, glücklich zu sein. Dargestellt in 50 Lebensregeln. Herausgegeben von Franco Volpi.

» Barbara Neymeyr: „Pessimistische Eudaimonologie? Zu Schopenhauers Konzeptionen des Glücks“, in: Schopenhauer-Jahrbuch, Bd. 77, 1996, S. 133-165.

» Rosemarie Neumeister: „Schopenhauer und die ‚Meinung der anderen’“, in: Dieter Birnbacher (Hrsg.), Schopenhauer in der Philosophie der Gegenwart, Beiträge zur Philosophie Schopenhauers, Bd. 1, S. 125-137.

» Volker Spierling: „Grundlinien der Philosophie Schopenhauers. Eine neue Sicht der ‚Aphorismen zur Lebensweisheit’“, in: Luigi Cotteri (Hrsg.), Deutsch-Italienische Studien, Bd. 11, S. 1-21.

» Hans Peter Balmer, Philosophie der menschlichen Dinge. Die europäische Moralistik.