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Wiedergelesen: Nietzsches Buch vom Freien Geist

Beitrag 19: Ralph-Rainer Wuthenow über Friedrich Nietzsche

...Haben die Freigeister recht, so haben die gebundenen Geister unrecht, gleichgültig, ob die ersteren aus Unmoralität zur Wahrheit gekommen sind, die anderen aus Moralität bisher an der Unwahrheit festgehalten haben. – Übrigens gehört es nicht zum Wesen des Freigeistes, daß er richtige Ansichten hat, sondern vielmehr, daß er sich von dem Herkömmlichen gelöst hat, sei es mit Glück oder mit einem Mißerfolg. Für gewöhnlich wird er aber doch die Wahrheit oder mindestens den Geist der Wahrheitsforschung auf seiner Seite haben: er fordert Gründe, die anderen Glauben.| 1 |

Wer tiefer denkt, weiß, daß er immer unrecht hat, er mag handeln und urteilen, wie er will.| 2 |

...Bei der ungeheuren Beschleunigung des Lebens wird Geist und Auge an ein halbes oder falsches Sehen und Urteilen gewöhnt, und jedermann gleicht den Reisenden, welche Land und Volk von der Eisenbahn aus kennenlernen. Selbständige und vorsichtige Haltung der Erkenntnis schätzt man beinahe als eine Art Verrücktheit ab, der Freigeist ist in Verruf gebracht, namentlich durch Gelehrte, welche an seiner Kunst, die Dinge zu betrachten, ihre Gründlichkeit und ihren Ameisenfleiß vermissen und ihn gern in einen einzelnen Winkel der Wissenschaft bannen möchten...| 3 |

1.

Nietzsches Wirkungsgeschichte ist die von Missverständnissen und Fehldeutungen, wobei es wohl nicht ungerechtfertigt ist, darauf hinzuweisen, dass an derartigen, oft willkürlichen, Deutungen, Einseitigkeiten und Gewaltsamkeiten der Autor selbst nicht völlig unschuldig ist. Nietzsches Haltung als Schriftsteller lässt nur selten deutlich werden, ob er nun billigend, herausfordernd, mahnend oder trocken-satirisch spricht; man kann sich nur zu leicht bedienen. Seine Vorstellungen von der Welt, von der Kultur der Epoche, den Menschen und was sie antreibt, sind allerdings „unzeitgemäß“; was er sagt, das sagt er im Allgemeinen, indem er sich gegen sie wendet.
Diese Wendung erscheint als Einspruch: Nietzsche ist wesentlich Kritiker, die Diagnose, die er den Gegenständen stellt, ist unnachsichtig: Das bürgerliche Denken der Gegenwart widert ihn an, sei es die fortschreitende Barbarisierung in den Wissenschaften, die sich mit der ständigen Vermehrung des Wissens wie der Verfeinerung ihrer Methoden großartig verträgt, sei es auch die deutsche Bildung, die bürgerliche Moralität oder die Religiosität.
Im Sinne der bedeutenden französischen Moralisten, also der aufmerksamen Beobachter des Herzens der Menschen wie ihrer Gedanken, ihrem Verhalten, der psychologischen Schriftsteller des 17. und 18. Jahrhunderts, versucht Nietzsche eine unsystematische und punktuell präzise, stets wieder neu ansetzende Kritik der Denk- und Moralvorstellungen, der ästhetischen wie speziell literarischen Ansichten und der herrschenden Vorurteile. Jahre später kommentiert er im Ecce homo (der mehr ein Selbstkommentar ist als eine Autobiographie), das erste Aphorismenbuch, also Menschliches Allzumenschliches, so, als sei hier ein im Grunde unbarmherziger Geist am Werk, der eben dort tätig wird, wo das Ideal sich sehr gut eingenistet hat und sich sicher wähnt. Mit einer überhellen Fackel will der Verfasser in die Unterwelt des Ideals hineingeleuchtet haben, er hat es mitleidlos bekämpft: „Ein Irrtum nach dem anderen wird gelassen aufs Eis gelegt, das Ideal wird nicht widerlegt – es erfriert. Hier zum Beispiel erfriert ,das Genie’, eine Ecke weiter ,der Heilige’: unter einem dicken Eiszapfen erfriert ,der Held’, am Schluss erfriert ,der Glaube’, die sogenannte ,Überzeugung’, auch das ,Mitleiden’ kühlt sich bedeutend ab – fast überall erfriert ,das Ding an sich’.“ Soweit der zugleich polemische und präzise, boshaft-glanzvolle Selbstkommentar Nietzsches, als er sich und uns klarmacht, warum er so gute Bücher schreibt. Doch nicht allein der Vorgang – die Entzauberung als Kälteschock – ist modern: Modern ist nicht minder die Art, den Vorgang zu charakterisieren, als unterminierende Tätigkeit, als die Kriegsführung aufklärerischen Denkens, das den Zeitgenossen liebgewordene Vorstellungen dem todbringenden Frost aussetzt; die Prosa selbst ist nicht minder modern als der Vorgang, von dem berichtet wird.

2.

Friedrich Nietzsche, der noch in der Phase seines Zusammenbruchs (1888/1889) so luzid wie raffiniert zu schreiben vermag, der mit der Psychologie zwar nicht begann – man denke an Die Geburt der Tragödie (1872) – aber mit ihr sozusagen endete und doch zugleich mit dem Mythos, da er die warme Helligkeit und verführerische Heiligkeit des Dionysos der kühlen Strenge seiner frühen Aphorismenbücher vorzog, war keineswegs immer der Aphoristiker, als den man ihn zu sehen und zu zeigen liebte, wobei es nicht schwer war, sich auf ihn zu berufen. Nicht allein Abhandlungen wie die Zur Genealogie der Moral (1887) wie die des Zarathustra wortreiche, beschwörende Predigten machen es deutlich, schon Menschliches, Allzumenschliches zeigt es: Hier wechseln längere essayistische Betrachtungen, Überlegungen und Notizen mit knappen, sentenziösen Bemerkungen der aphoristischen Tradition, die er wiederholt für sich in Anspruch nimmt. Hat er mit La Rochefoucauld den großen Verdacht gemein, so mit La Bruyère die Vielfalt der Formen: Vom revolutionären Aufbegehren Chamforts scheint er fast unberührt geblieben zu sein (eher hat es ihn abgestoßen), doch um seinen Witz, den état d'épigramme, mag er ihn beneidet haben. Von den französischen Moralisten unterscheidet ihn seine wiederholt suggestive, eindringlich überredende Ausdrucksweise, eine zuweilen appellativ ausgesprochene Unwirklichkeit, eine ahnungsvolle Halbtraumhaftigkeit, die sich verheißungsvoll auf Künftiges richtet. Dann erscheint er wie ein Schlafwandler – wer ihn anspricht, könnte ihn zu Fall bringen. Dann wieder drängt er mit Heftigkeit zum Extrem, und noch die Idee der Ewigen Wiederkunft ist vielleicht vor allem als Extrem der Bejahung zu verstehen, wobei die Psychologie in den Mythos umschlägt.
In Menschliches, Allzumenschliches, dem „Buch für freie Geister“, findet man Nietzsche zunächst in Auseinandersetzung mit der Wissenschaft als der herrschenden Denkweise der Epoche: Mit vorurteilsfreier Analyse will er Klarheit gewinnen über die Geltung von Vorstellungen und Begriffen; das Gewordene war nicht immer, als was es sich nun zeigt, also ist es veränderbar, wenn nicht selbst lediglich vergängliches Produkt längst überholter historischer Erfahrungen, Resultat der von ihnen erzwungenen Modifikationen.
Was aber nun im Sinn einer ideologisch fundierten Fortschrittsgläubigkeit gelesen werden könnte, wird insofern bald wieder zurückgenommen, als er betont, das erworbene Wissen habe nichts mit „Glück“ zu tun, genauer noch: Wenn Tugend ihre Folge ist, so vermag Erkenntnis angeblich zu beglücken, das aber ist ein fataler Irrtum.| 4 | Voreilig setzt Nietzsche allerdings und ohne es genau zu sagen, wissenschaftliche Erkenntnis mit philosophischer Wahrheit gleich, die fehlende Unterscheidung müssen wir also nachholen. Hatte man zuvor noch gemeint, in der Sprache als Benennung und Begriffsbildung das Wesen der Dinge zu erfassen, so war auch dies, der philosophische Realismus also, ein Irrtum. Doch erblickt Nietzsche in diesem Irrtum die Voraussetzung für die Entwicklung von Vernunft und Wissenschaft. Dergestalt ist – und nicht allein hier – von historisch sozusagen unumgänglichen Irrtümern die Rede.| 5 | Als Vor-Stufe kann auch gewürdigt werden, was inzwischen historisch falsch heißen muss. So wird die fortschreitende Entwicklung der Wissenschaften zur „Entstehungsgeschichte des Denkens“| 6 |. Immer wieder tun wir so ,als ob’, nur sollten wir uns dessen auch bewusst sein. Die Vielfalt der Möglichkeiten globaler wie geschichtlicher Vergleichung sollte als eine Aufforderung zur Aneignung von uns genutzt werden. Die Gefahren des Eklektizismus und der historischen Überbürdung, die er doch nur zu gut kannte, blendet Nietzsche hier offensichtlich aus.
Nicht die im engeren Sinne politischen und ökonomischen Fragen fesseln ihn (obwohl er sie keineswegs ignoriert), es geht dem Verfasser vor allem um die Bedingungen der Kultur, auch die geschichtsphilosophischen Erörterungen der frühen Aphorismenbände sind dieser Zielvorstellung untergeordnet. Dabei nun bleibt die Rolle des Künstlers durchaus zweideutig: seine Unwissenschaftlichkeit kennzeichnet, ja stigmatisiert ihn, sein Sinn für die Wahrheit ist unausgebildet, die Bedeutung seines Tuns bleibt „scheinhaft“, das Phantastische, das Mythische will er auch in der modernen Welt nicht preisgeben – hier wird die Kritik an Richard Wagner offenkundig. Doch ist es, darin liegt nun wieder seine Rechtfertigung, der Menschheit nötig, sich auf früheren Stufen des Entwicklungsganges gleichsam auszuruhen, gewissermaßen zur Besänftigung. Vergangenheit darf die Gegenwart immer noch einfärben, sie verschönern und erleichtern: Dem Fortgang feindlich, sind die Künstler gleichsam nicht-erwachsen, sind liebenswerte Epigonen. Das Hegelsche Diktum von der Kunst, die nicht mehr die Macht hat, sich des Absoluten zu versichern und es auszusprechen, was sie als sozusagen „überholt“ mag erscheinen lassen, schimmert hier durch. Die Kunstepoche ist vorbei. Versöhnung und Ablenkung durch die Kunst hat nur palliativischen Charakter.
In den Nachgelassenen Fragmenten jener Jahre lesen wir dann: Nachdem er, Nietzsche, sich so lange mit Schopenhauer wie Wagner und mit der Romantik auseinandergesetzt hatte, sei in Wagner der Gegner der Epoche zu sehen, dies noch dort, wo Wagner seine Größe habe; so war ihm, sagt er, eine „Kaltwasserkur“ gewissermaßen notwendig. „Ich knüpfte an die Verdächtigung des Menschen an, an seine Verächtlichkeit, die ich früher benützte, um mich in jenen übermächtigen metaphysischen Traum zu heben. Ich kannte den Menschen gut genug, aber ich hatte ihn falsch gemessen und beurtheilt: der Grund zum Verwerfen fehlte.“| 7 |

3.

Es ist dies nicht in erster Linie das Geständnis eines wesentlich aphoristischen Schriftstellers; überdies fällt bald auf, dass Nietzsche in den oft langen Erörterungen und Betrachtungen sich keineswegs als Aphoristiker zeigt. Lediglich in manchen Prosastücken findet sich, am Schluss und gewissermaßen resümierend und pointiert, die aphoristische Prägung. „Veredelung durch Entartung“| 8 | ist eine der Betrachtungen, die zugespitzt aphoristisch enden:

Was den Staat betrifft, so sagt Macchiavelli, daß ,die Form der Regierungen von sehr geringer Bedeutung ist, obgleich halbgebildete Leute anders denken. Das große Ziel der Staatskunst sollte Dauer sein, welche alles andere aufwiegt, indem sie weit wertvoller ist als Freiheit.’

Dem folgend, schließt Nietzsche, dass allein bei sicher gegründeter und verbürgter Dauer „stetige Entwicklung und veredelnde Inokulation“ überhaupt möglich ist. Damit wird der Abschluss vorbereitet:

Freilich wird gewöhnlich die gefährliche Genossin aller Dauer, die Autorität, sich dagegen wehren.

Ähnlich ist das Verfahren in der sich anschließenden Notiz, die vom Freigeist handelt: Er ist wesentlich ungebunden, hat sich vom Herkommen gelöst, er ist Außenseiter. Dann heißt es, wiederum abschließend, aphoristisch konzis:

Haben die Freigeister recht, so haben die gebundenen Geister unrecht, gleichgültig, ob die ersteren aus Unmoralität zur Wahrheit gekommen sind, die anderen aus Moralität bisher an der Unwahrheit festgehalten haben. – Übrigens gehört es nicht zum Wesen des Freigeistes, daß er richtige Ansichten hat, sondern vielmehr, daß er sich von dem Herkömmlichen gelöst hat, sei es mit Glück oder mit einem Mißerfolg. Für gewöhnlich wird er aber doch die Wahrheit oder mindestens den Geist der Wahrheitsforschung auf seiner Seite haben: er fordert Gründe, die anderen Glauben.| 9 |

Dass Nietzsche hier von sich spricht, darf erwähnt werden, ist aber nicht weiter wichtig.
Nicht anders verfährt Nietzsche bei der Betrachtung des starken Charakters, wo schließlich die aphoristische Zuspitzung einsetzt, als der Verfasser feststellt, dass das Einzelwesen von seinen Erziehern behandelt wird, „als ob es zwar etwas Neues sei, aber eine Wiederholung werden sollte.“| 10 |
Die Erörterung der ,List der Natur’ bei der Hervorbringung des Genies – Verirrung, Verstümmelung, Verkrüppelung gehen voraus – führt einen Ansatz weiter, der bei Lichtenberg schon zu finden ist: Die Beeinträchtigung des Einzelnen fordert Kompensationen heraus.| 11 | Doch erst in der dann folgenden knappen Notiz| 12 | erfolgt eine wirklich aphoristische Zuspitzung, die als „Vermutung über den Ursprung der Freigeisterei“ deklariert wird:

Ebenso wie die Gletscher zunehmen, wenn in den Äquatorialgegenden die Sonne mit größerer Glut als früher auf die Meere niederbrennt, so mag auch wohl eine sehr starke, um sich greifende Freigeisterei Zeugnis dafür sein, dass irgendwo die Glut der Empfindung außerordentlich gewachsen ist.

Natürlich will diese Art der Schlussfolgerung nicht etwas ‚beweisen’, der Aphorismus, der etwas beweist, hört auf, ein Aphorismus zu sein; das Gesagte erscheint nur als ein Analogon. Der Leser soll weiterdenken.
Nietzsche ist gewiss beides: Kritiker der Gegenwart und Fürsprecher der Moderne, und beides ist er immer wieder auf andere Weise. Die Überlagerungen der Moderne in der Gegenwart werden von dem geprägt, was Gegenwart als von älterer Vergangenheit bestimmt sein lässt. Die Kritik der Arbeitswelt und -wut, der vielbeschäftigten Unproduktivität steht deutlich neben der Forderung von unerlässlichem Müßiggang für den Denkenden, nach Abstand, Ruhe und Verantwortung für die Zukunft des Erdballs. Mit Betrübnis und dennoch zustimmend konstatiert Nietzsche, dass die sozusagen bereits ‚überholte’ Kunst als ein schönes Relikt dem Denkenden durchaus das Herz beschwert, ist sie doch kaum mehr als eine den Menschen noch immer ergreifende Erinnerung an die beglückenden Tage seiner Jugend. Ihr bloßes Vergangen-Sein lässt die Kunst noch nicht überflüssig werden: Sie bleibt gegenwärtig als Nachbild und Erinnerung. So wird auch das, was die Menschheit auf ihren zweifelhaften Wegen ‚hinter sich gelassen’ hat, ihr immer noch notwendig sein, wenn sie Kraft und Richtung nicht verlieren will. Den Künstler, so heißt es,

wird man bald als ein herrliches Überbleibsel ansehen und ihm, wie einen wunderbaren Fremden, an dessen Kraft und Schönheit das Glück früherer Zeiten hing, Ehren erweisen, wie wir sie nicht unseresgleichen gönnen. Das Beste an uns ist vielleicht aus Empfindungen früherer Zeiten vererbt, zu denen wir jetzt auf unmittelbarem Wege kaum mehr kommen können, die Sonne ist schon hinuntergegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und leuchtet noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen.| 13 |

Das ist der Untergang der romantischen Sonne, „Le coucher du soleil romantique“ aus den Fleurs du Mal von Charles Baudelaire, auch wenn Nietzsche noch nicht gewillt ist, den Blick auf das Hässliche, das Abstoßende und Ekelerregende zu richten, auf das der Mensch in der Dunkelheit stößt, wo die Nacht ihr unwiderstehliches Reich errichtet hat, wo nun der Mensch an Schnecken und an Kröten streift mit seinem nackten Fuß „au bord du marécage“.

4.

Dass es sich bei diesen Entwürfen, Überlegungen, Spekulationen und Denkanstrengungen keineswegs nur um Aphorismen im genauen Sinne handelt wie bei Gracián, La Rochefoucauld oder Chamfort, wird nur Pedanten stören. Störend ist wohl eher die Selbstverständlichkeit, mit der seit Jahrzehnten von Friedrich Nietzsche fast immer nur als von dem Aphoristiker gesprochen wird, als den er sich selbst nur allzu gern dargestellt hat. Eingestreut in die wohl durchkomponierten essayistischen Reflexionen finden sich aber immer wieder viele Aphorismen.| 14 | Das lässt uns annehmen, dass der Verfasser sich dieser unterschiedlichen Vorgehens- und Schreibweisen durchaus bewusst gewesen ist. Dabei geht es freilich nicht einfach um Kürze oder Länge, sondern um die innere Geschlossenheit der Formulierung, die Spannung, das spezifische Gewicht.
„Menschenlos“ lautet ein Aphorismus aus dem Hauptstück „Der Mensch mit sich allein“:

Wer tiefer denkt, weiß, daß er immer unrecht hat, er mag handeln und urteilen, wie er will.| 15 |

Nur scheinbar ist, was hier gesagt wird, apodiktisch; was gesagt wird, unterminiert die mögliche apodiktische Haltung, vielmehr ist der Leser verwirrt, an keine Devise vermag er sich zu halten. Jenseits aller Gewissenlosigkeit in Handeln und Urteilen wird auf die Unmöglichkeit hingewiesen, Recht zu haben, und wenn an der Oberfläche noch Übereinkunft möglich zu sein scheint, so taumeln wir, wenn wir weiter wühlen, so vergehen wir uns an den Mitmenschen oder an der Wahrheit. Man könnte auch sagen: Wer mehr will als nur existieren, hat nirgends einen Halt.
Das „Klagelied“| 16 | aus dem Kapitel, in dem Nietzsche „Anzeichen höherer und niederer Kultur“ beschreibt, bezieht sich eben auf die Verhinderung kultureller Produktivität. Wie Goethe am Ende seines langen Lebens nicht etwa die Langsamkeit entdeckt hat (wie man heute voreilig behauptet), sondern voll Schrecken die sich ankündigende Beschleunigung der Lebensverhältnisse (dies nicht allein im Brief an Zelter vom 6. Juni 1825), so auch Nietzsche hier, der sich freilich nicht auf Goethe beruft und der Entwicklung sogar noch eine gewisse positive Bedeutung abzugewinnen versucht, nämlich inneren Abstand und „eine gelegentliche Unterschätzung“ des kontemplativen Lebens, die durch sie gerechtfertigt werden, aber, wendet er gleich darauf ein, Moralisten wie Pascal, Epiktet, Seneca, Plutarch werden kaum noch gelesen, und große Männer sind kaum noch zu finden. Arbeit und Fleiß scheinen einer Krankheit gleich die Menschen befallen zu haben. Muße, also Zeit und Ruhe zum Denken sind nicht vorhanden, weshalb auch abweichende Gedanken gar nicht mehr richtig wahrgenommen werden. Man begnügt sich damit, sie abzuwehren und zu hassen.

Bei der ungeheuren Beschleunigung des Lebens wird Geist und Auge an ein halbes oder falsches Sehen und Urteilen gewöhnt, und jedermann gleicht den Reisenden, welche Land und Volk von der Eisenbahn aus kennenlernen. Selbständige und vorsichtige Haltung der Erkenntnis schätzt man beinahe als eine Art Verrücktheit ab; der Freigeist ist in Verruf gebracht, namentlich durch Gelehrte, welche an seiner Kunst, die Dinge zu betrachten, ihre Gründlichkeit und ihren Ameisenfleiß vermissen und ihn gern in einen einzelnen Winkel der Wissenschaft bannen möchten...

Er aber hat einen anderen Auftrag, einen höheren: Er übersieht und lenkt von einem erhöhten Punkt aus den ganzen Zug der Wissenschaftler, der Gelehrten, er weist ihnen die Wege und die Ziele der Kultur. Künftig, so sagt Nietzsche, der hier zweifellos abermals von sich spricht, wird eine solche Klage überflüssig werden und verstummen. Diesem Zustand freilich geht voraus, was er mit einem recht ungewöhnlichem Adjektiv versieht: Er spricht von „einer gewaltigen Rückkehr des Genius der Meditation.“
Nietzsche wird hier persönlich; er, der immer wieder den strengen Stil des Grand Siécle forderte und doch viel weniger vom Menschen spricht als die von ihm bewunderten großen Franzosen, wird hier sogar pathetisch – er weiß zu gut, was auf dem Spiele steht.

R.-R. Wuthenow, 4. April 2007

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  | 1 | Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. Erster Band [=MA_I]. Reflexion Nr. 225.

  | 2 | Ebd., Nr. 518.

  | 3 | Ebd., Nr. 282.

  | 4 | Ebd., Nr. 7.

  | 5 | Ebd., Nr. 16.

  | 6 | Vgl. Anm. 5.

  | 7 | Krit. Studienausgabe 8, 494.

  | 8 | MA_I, Nr. 224.

  | 9 | Vgl. Anm. 1.

| 10 | Ebd., Nr. 228.

| 11 | Ebd., Nr. 231.

| 12 | Ebd., Nr. 232.

| 13 | Ebd., Nr. 223.

| 14 | Ebd., Nr. 66, 67, 76, 118, 167, 177, 179, dann aber auch ganze Kapitel wie das 6. „Der Mensch im Verkehr“, das 7. „Weib und Kind“, sowie, zum Teil jedenfalls, das 9. Kapitel mit dem Titel „Der Mensch mit sich allein“.

| 15 | Vgl. Anm. 2.

| 16 | Vgl. Anm. 3.

Über F. Nietzsche

» Friedemann Spicker: Friedrich Nietzsche. Prägung des Gattungsbewusstseins, in: F. S., Der Aphorismus. Begriff und Gattung von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1912, 181-204.

» Martin Stingelin: „Unsere ganze Philosophie ist Berich- tigung des Sprachgebrauchs“. Friedrich Nietzsches Lichtenberg-Rezeption im Spannungsfeld zwischen Sprachkritik (Rhetorik) und historischer Kritik (Genealogie).

» Werner Stegmaier: Philosophieren als Vermeiden einer Lehre. Inter-individuelle Orientierung bei Sokrates und Platon, Nietzsche und Derrida, in: Josef Simon (Hrsg.), Distanz im Verstehen. Zeichen und Interpretation II, S. 214-239.

» Karl-Heinz Göttert: Kunst der Sentenzen-Schleiferei. Zu Nietzsches Rückgriff auf die europäische Moralistik, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 67. Jg, Heft 4, S. 717-728.

» David Molner: The Influence of Montaigne on Nietzsche. A raison d'Etre in the Sun, in: Nietzsche Studien 22, S. 80-93.

» Brendan Donnellan: Nietzsche and the French moralists.

» Bernd Bräutigam: Reflexion des Schönen – schöne Reflexion. Überlegungen zur Prosa kritischer Theorie: Hamann-Nietzsche-Adorno.

» Bernhard Greiner: Friedrich Nietzsche. Versuch und Versuchung in seinen Aphorismen.

» Hiltrud Häntzschel-Schlotke: Der Aphorismus als Stilform bei Nietzsche. Dissertation.

» Bernd Thönges: Das Genie des Herzens. Über das Verhältnis von aphoristischem Stil und dionysischer Philosophie in Nietzsches Werken.