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Weltklugheit in einer Welt des Scheins: Graciáns Lebenslehre

Beitrag 18: Till Kinzel über Baltasar Gracián

Nicht, aus Besorgnis trivial zu sein, paradox werden.| 1 |

Der Mensch wird als Barbar geboren, und nur die Bildung befreit ihn von der Bestialität. Die Bildung macht den Mann, und um so mehr, je höher sie ist. Kraft derselben durfte Griechenland die ganze übrige Welt Barbaren heißen. Die Unwissenheit ist sehr roh: Nichts bildet mehr als Wissen. Jedoch das Wissen selbst ist ungeschlacht, wenn es ohne Eleganz ist. Nicht allein unsere Kenntnisse müssen elegant sein, sondern auch unser Wollen und zumal unser Reden.| 2 |

Gerade war einmal wieder etwas besonders Aberwitziges im Umlauf. An einem bestimmten Tag sollten viele tot umfallen; und tatsächlich verging mancher vor Angst schon zwei Tage vorher. Oder ein Erdbeben sollte kommen und alle Häuser dem Erdboden gleichmachen. Und wie schnell sich solcher Unsinn verbreitete! Wie viele ihn gierig aufsogen und sich gegenseitig weitererzählten! Trat aber ein Vernünftiger dagegen auf, so gerieten sie in Wut, eben weil sie nicht sagen konnten, wie und wo der Unsinn aufgekommen war. Was nicht hinderte, dass er jedes Jahr neu aufkam: Die jüngste Enttäuschung war jedes Mal noch zu frisch, das Bratöl trott noch herunter. Und unverkennbar, dass Wichtiges und Wahres alsbald in Vergessenheit geriet, während abgeschmacktes Zeug von Großmutter zu Enkelin, von Tante zu Nichte weitergetragen wurde und durch Weitertragen verewigt.| 3 |

Das Leben des Menschen ist ein täglicher Kampf gegen die Dummheit, gegen Trug und Lug, gegen Narretei und Eitelkeit. Das Leben des Menschen ist ein tragikomisches Schauspiel, das zu ertragen nicht leicht ist, weil alles vom Schein beherrscht wird und das wahre Sein der Dinge verborgen zu sein scheint. In einer solchen, nicht gerade anheimelnd wirkenden Welt zu bestehen – dazu bedarf es neben Gottvertrauen vor allem der Ausbildung und Gestaltung der eigenen Person, der Personwerdung im emphatischen Sinne, denn nur als Person kann man bestenfalls den Widrigkeiten des Daseins trotzen. So könnte man in aller Knappheit den Ausgangspunkt der Betrachtungen skizzieren, die ich im Folgenden im Anschluss an Baltasar Gracián anstellen möchte.

Denken wie die wenigsten und reden wie die meisten.| 4 |

Gracián zeigt im Falle dieses Aphorismus eine Haltung, die uns unter den Bedingungen einer liberaldemokratischen Gesellschaft mit Meinungs- und Redefreiheit befremdlich erscheinen muss. Denn unter der Voraussetzung, dass die öffentliche Diskussion oder, wie man heute gern sagt, der Diskurs davon lebt, dass jeder seine Gedanken frei und ohne Furcht vor Repressalien äußern kann. Weshalb also sollte man seine unzeitgemäßen Gedanken für sich behalten – „denken wie die wenigsten“ – und sich an die üblichen Meinungen der vielen zumindest verbal anpassen – „reden wie die meisten“? Wird hier nicht einer bedenklichen Doppelmoral gehuldigt – und dies auch noch von dem Vertreter eines Ordens, dem man stets den Vorwurf der Heuchelei gemacht hat?
Hören wir zunächst Graciáns Erläuterungen, die seinen Satz plausibel machen sollen.

Gegen den Strom schwimmen zu wollen vermag keineswegs den Irrtum zu zerstören, sehr wohl aber in Gefahr zu bringen. Nur ein Sokrates konnte es unternehmen. Von anderer Meinung abweichen wird für Beleidigung gehalten; denn es ist Verdammen des fremden Urteils. Bald mehren sich die darob Verdrießlichen, teils wegen des getadelten Gegenstandes, teils dessentwegen, der ihn gelobt hatte. Die Wahrheit ist für wenige, der Trug so allgemein wie gemein. Den Weisen wird man nicht an dem erkennen, was er auf dem Marktplatz redet, denn dort spricht er nicht mit seiner Stimme, sondern mit der allgemeinen Torheit, so sehr auch sein Inneres sie verleugnen mag. Der Kluge vermeidet ebenso sehr, dass man ihm als dass er anderen widerspreche; so bereit er zum Tadel ist, so zurückhal- tend in der Äußerung desselben. Das Denken ist frei, ihm kann und darf keine Gewalt geschehen. Daher zieht der Kluge sich zurück in das Heiligtum seines Schweigens; und lässt er je sich bisweilen aus, so ist es im engen Kreise weniger und verständiger.

Gracián bietet mit diesen Ausführungen eine höchst aufschlussreiche Reflexion auf das Problem der Kommunikation von Gedanken in einer gegebenen Gesellschaft. Die Masse besteht, so seine Annahme, aus denen, die an der allgemeinen Torheit Anteil haben. Ihnen gegenüber ist es ein Fehler, offen seine Meinung zu bekennen, da der Trug, die Täuschung bei ihnen regiert und also die Wahrheit bei ihnen nicht zum Zuge kommen kann. Die Wahrheit, so Graciáns durchaus skeptische Position, kann nicht allgemein gemacht werden, weil die Meisten, die Vielen abweichende Meinungen nicht goutieren. Dies aber kann für den Weisen gefährlich werden. Er wird sich daher nach außen den gängigen Meinungen anpassen. Die politischen Köpfe empfählen deshalb gar, so Aphorismus Nr. 133, es sei besser, mit allen ein Narr als allein gescheit zu sein. Daraus folgt indes nicht, dass man tatsächlich die Meinung der Menge teilen, sondern sich nur den Anschein geben sollte.

Man muss mit den Übrigen leben, und die Unwissenden sind in der Mehrzahl. Um allein zu leben, muss man sehr einem Gotte oder ganz einem Tiere ähnlich sein.

Also gerade aus der sozialen Natur des Menschen, die ihm sein Überleben sichert, folgen eben jene Gegebenheiten, die die Weltklugheit zu einer Notwendigkeit im Umgang der Menschen untereinander machen.
Im Kritikon heißt es einmal, ein Philosoph versuche vergeblich, die Wahrheit in Form von Aphorismen unter die Leute zu bringen – reichen Absatz dagegen gibt es nur bei den Scharlatanen à la Nostradamus. Dieser Umstand ist eine Funktion der Erkenntnis Graciáns, dass die Dummheit die Welt beherrscht. Das Unterfangen Graciáns – die Ent-Täuschung, das Desengaņo – erscheint hier in seiner ganzen Paradoxie: Denn der Versuch, über die Täuschungen aufzuklären, denen der Mensch notwendig erliegt, findet seine immanente Grenze in einem unerfreulichen, störrischen Faktum. Es gebe nämlich, so erfahren wir, gegen jedes Übel ein Mittel, nur gegen eines nicht: Gegen die Blödheit versagt jedes Mittel, noch nie sei ein Tor von seiner Torheit kuriert worden.
Ja, es ist alles noch viel schlimmer: Dummheit ist ansteckend, wie man Andrenio bei Gelegenheit bereitwillig erklärt:

Ein jeder Narr bringt deren hunderte hervor, und jeder von denen wieder so viele, und so ist im Handumdrehen eine Stadt voll. Ich habe erlebt, wie abends eine Verrückte in höchst geschmacklosem Aufzug ihren Einzug hielt in einem Ort und am andern Morgen schon Hunderte sich genauso geschmacklos kleideten wie sie. Und es ist schon bemerkenswert, dass hundert Kluge nicht ausreichen, um einen Toren klug zu machen, ein Tor aber hundert Kluge zu Toren macht. Die Klugen nützen den Toren gar nichts; sie machen unter Umständen alles noch schlimmer. Einmal steckte man einen Toren unter viele Kluge, um zu sehen, ob ihm dies helfen könnte. Wie er nun bei allem, was er sagte und tat, von ihnen verbessert wurde, begann er zu toben und zu schreien, man solle ihn schleunigst von diesen Verrückten fortbringen, wenn man nicht wolle, dass er in kürzester Zeit den Verstand verliere. (574)

All diese Toren kennzeichnet nun, und das ist für Graciáns klassische Auffassung typisch, dass sie nicht bei sich sind, alle neben sich stehen, und daher etwas anderes sein wollen als sie sind.
Indem Gracián an der prinzipiell unüberwindlichen Trennung der Gesellschaft in die wenigen Weisen und die vielen Toren festhält, eine vor dem Zeitalter der Aufklärung bei den Philosophen übliche Position, kann er sich vor überzogenen optimistischen Erwartungen in die pädagogische Wirkung seiner Bemühungen schützen.
Gracián treibt indessen den philosophischen Imperativ der Selbsterkenntnis, des „nosce te ipsum“, der seinem ganzen Werk zugrunde liegt, noch weiter, wenn er in seinem Handorakel folgendes bemerkt:

Narren sind alle, die es scheinen, und die Hälfte derer, die es nicht scheinen... Jedoch ist der größte Narr, wer es nicht zu sein glaubt und alle andern dafür erklärt. (...) obschon die Welt voll Narren ist, so ist keiner darunter, der es von sich selbst dächte, ja nur argwöhnte (Nr. 201).

Gracián weiß, dass gerade diejenigen, die sich als Weise vorkommen, in besonderer Gefahr sind, zu verschrobenen Spinnern, oder in seiner Diktion: zu Ungeheuern an Narrheit zu werden. Die Anforderungen an die Selbsterkenntnis des Weisen können deshalb nicht überschätzt werden: Denn das Schöne ist schwer, wie die Griechen schon wussten. Ungeheuer von Narrheit aber nennt Gracián „alle Eitle, Anmaßliche, Eigensinnige, Kapriziöse, von ihrer Meinung nicht Abzubringende, Überspannte, Gesichterschneider, Possenreißer, Neuigkeits- krämer, Paradoxisten, Sektierer und verschrobene Köpfe aller Art“ (Nr. 168), und man kann getrost noch etliche hinzufügen, wie etwa die Zeremoniösen (Nr. 184). Dazu gehört schließlich auch die Warnung, die unter den Bedingungen der Mediengesellschaft nur noch an Bedeutung gewonnen haben dürfte (Handorakel Nr. 143):

Nicht, aus Besorgnis trivial zu sein, paradox werden.

Gracián kritisiert, dass man mittels des Paradoxen, das anfangs wegen seiner Neuheit Beifall finde, sich an einer üblen Gaukelei beteilige, zum Schaden des Staates. Es ist daher wichtig, nicht immer Scherz zu treiben (Nr. 76):

Wer immer scherzt, ist nie der Mann für ernste Dinge.

Warum aber nun sind der Pädagogik als Mittel gegen die naturwüchsige Dummheit Grenzen gesetzt? Dies hat mit Graciáns Auffassung von der Entwicklung der Lebensalter zu tun, die im Kritikon in ihrer Abfolge präsentiert werden. Entscheidend für die Vollendung des Menschen in der Person ist schlicht und ergreifend Zeit, denn ohne das Reifen der Urteilskraft durch die Lebenszeit, die man hinter sich gebracht hat, kann es nicht gehen. Wer Person werden will, steht vor der Aufgabe der „Klärung, Reinigung und Entschlackung der Seele“| 5 |, um schließlich zu sich selbst zu kommen. Nicht alle aber vermögen es, diesen Weg zu gehen, weshalb die meisten Menschen gemessen an dem Idealbild der Person als Zurückgebliebene angesehen werden. Es genügt mitnichten, einen scharfen Blick zu haben, dazu muss unbedingt die Urteilskraft hinzukommen. Erst wenn jemand über diese Kombination verfügt, kann er als großer Mann gelten.
Der Prozess der Bildung ist für die Menschwerdung des Menschen nach Gracián völlig unabdingbar, wie exemplarisch der Aphorismus Nr. 87 verdeutlicht:

Der Mensch wird als Barbar geboren, und nur die Bildung befreit ihn von der Bestialität. Die Bildung macht den Mann, und um so mehr, je höher sie ist. Kraft derselben durfte Griechenland die ganze übrige Welt Barbaren heißen. Die Unwissenheit ist sehr roh: Nichts bildet mehr als Wissen. Jedoch das Wissen selbst ist ungeschlacht, wenn es ohne Eleganz ist. Nicht allein unsere Kenntnisse müssen elegant sein, sondern auch unser Wollen und zumal unser Reden.

Gracián kritisiert wie schon Platon die Vielgeschäftigkeit, das Hereinreden derjenigen, die von einer Sache nichts verstehen, in die Geschäfte des Staates. Die Kritik richtet sich gegen Debattierklüngel, in denen überall auf die Regierung geschimpft wurde, „und zwar immer und unter allen Regimentern, auch im Goldenen Zeitalter und in der Ära des Friedens.“

Der Landarbeiter redete von Handel und Verkehr, der Kaufmann von der Landwirtschaft; der Student vom Heerwesen und der Krieger von der Schulweisheit; der Laie erörterte die Pflichten des Geistlichen und der Geistliche die Versäumnisse des Laien. Jeder redete von dem, was er am wenigstens verstand. Ein paar Alte hockten da, sagten eine Menge Schlechtes über die gegenwärtigen Zeiten und nur Gutes über die vergangenen, konnten sich nicht genug aufhalten über die Dreistigkeit der Jungen, die Zügellosigkeit der Frauen, die Zerrüttung der Sitten und die Verderbnis allgemein.

Doch sind dies nur Klagen, die zu allen Zeiten von den Alten erhoben wurden, wie ein Weiser ihnen sogleich klarmacht; bei aller Schärfe der Kritik verfällt Gracián niemals in eine nostalgische Haltung. Er weiß, dass sich die menschliche Natur im Grundsatz nicht verändert und zu allen Zeiten den gleichen Gefahren ausgesetzt ist. Gracián kann sich gewiss sein, dass dies so ist, weil er ein vorzüglicher Kenner der antiken Literatur ist, der sich zumal in seinem Kritikon ausdrücklich auf eine ganze Reihe der Größten jener Literatur bezieht. Er erklärt, er habe in seiner Weltenhofbetrachtung (filosofia cortesana) dem urteilsfreudigen Leser etwas bieten wollen, das die trockene Philosophie mit dem unterhaltsamen Einfall, die beißende Satire mit der eingängigen Erzählung vermählte. (11) Gracián bemühte sich, wie er dann fortfährt, aus allen Autoren mit gutem Genius nachzuahmen, was ihm zupass kam: „aus Homer die Allegorien, aus Äsop die Fabeln, das Lehrreiche aus Seneca, das Scharfsinnige aus Lukian, aus Apuleius die Beschreibungen, aus Plutarch die Moral, aus Heliodor die Verwicklungen, aus Ariost die Unterbrechungen, aus Boccalini die Krisen und aus Barclay die Bissigkeiten.“ An dieser Stelle erwähnt Gracián bei weitem nicht alle literarischen Einflüsse, die für sein Werk von Bedeutung waren. So fehlt etwa Erasmus von Rotterdam, um nur einen zu nennen, dessen Sprichwortsammlung Adagia Gracián mit Sicherheit kannte und nur in seiner Ästhetik erwähnt. Doch ist es bezeichnend, dass er den Scharfsinn des Satirikers Lukian von Samosata nennt, der alle Torheiten des Menschen in immer neuen Varianten geißelte und sich mit Vorliebe die zahlreichen Pseudophilosophen seiner Zeit vornahm und entlarvte. Ein starker Einfluss auf die Weltanschauung Graciáns ging zudem von der stoischen Philosophie aus, von Seneca, aber auch von Epiktet. Die Stoa hatte mit ihrer moralphilosophischen Stoßrichtung gegen die von der Vernunft gelösten Affekte und mit ihrer auf Selbsterkenntnis zielenden Gewissenserforschung dem Christentum vorgearbeitet, vor allem aber eine nüchterne Haltung der Welt gegenüber gelehrt, ein Akzeptieren dessen, was sich nun einmal nicht ändern ließ. So bezieht sich Gracián positiv auf die nach Epiktet erste Lebensregel, das Ertragenkönnen, auf die die Hälfte der Weisheit zurückgeführt werden könne – und diese liegt nicht zuletzt in der Geduld. Fast alle Autoren aber, auf die sich Gracián bezieht, haben gemeinsam, dass sie entweder selbst lebenspraktisch orientiert sind oder doch im allegorischen Sinne so gedeutet werden können. So erhalten die beiden Wanderer im Kritikon den Rat, sich die Odyssee Homers zu beschaffen und von Anfang bis Ende durchzulesen, weil dieses Buch das Gemüt führen und dabei helfen könne, ebenso vielen Klippen und Monstern zu entgehen wie Odysseus. (224)
Immer aber geht die Kritik auf allgemeine Strukturen menschlicher Dummheit, menschlichen Verhaltens, auf die betrübliche Tatsache, dass von den Menschen nichts dazu gelernt wird. Prägnant ist etwa die Schilderung einer gegenwärtigen Hysterie:

Gerade war einmal wieder etwas besonders Aberwitziges im Umlauf. An einem bestimmten Tag sollten viele tot umfallen; und tatsächlich verging mancher vor Angst schon zwei Tage vorher. Oder ein Erdbeben sollte kommen und alle Häuser dem Erdboden gleichmachen. Und wie schnell sich solcher Unsinn verbreitete! Wie viele ihn gierig aufsogen und sich gegenseitig weitererzählten! Trat aber ein Vernünftiger dagegen auf, so gerieten sie in Wut, eben weil sie nicht sagen konnten, wie und wo der Unsinn aufgekommen war. Was nicht hinderte, dass er jedes Jahr neu aufkam: Die jüngste Enttäuschung war jedes Mal noch zu frisch, das Bratöl trott noch herunter. Und unverkennbar, dass Wichtiges und Wahres alsbald in Vergessenheit geriet, während abgeschmacktes Zeug von Großmutter zu Enkelin, von Tante zu Nichte weitergetragen wurde und durch Weitertragen verewigt. (416)

Typisch für Gracián ist die Ablehnung jeder Form des Fanatismus, denn auch dieser ist eine Form der Dummheit, wie etwa der Aphorismus Nr. 183 klar zeigt:

Nichts gar zu fest ergreifen. Jeder Dumme ist fest überzeugt; und jeder fest Überzeugte ist dumm: je irriger sein Urteil, desto größer sein Starrsinn. Sogar wo man augenfällig Recht hat, steht es schön an, nachzugeben, denn die Gründe, die wir für uns haben, sind nicht unbekannt, und nun sieht man unsere Artigkeit.

Mehr verliere man durch Halsstarrigkeit, so Gracián, als durch den Sieg in der Argumentation. Auch wenn man dies wohl nicht ganz unterschreiben kann, da nämlich eben die Gründe, die für unsere Position sprechen, keineswegs immer schon bekannt sind, zielt diese Ermahnung darauf, sich vom Pöbel zu distanzieren, den es dem Handorakel zufolge überall gibt: „Jeder macht ja die Erfahrung in seinem eigenen Hause“, sagt Gracián mit lakonischer Treffsicherheit. Der Pöbel ist dabei jedoch keineswegs etwa klassen- oder schichtenspezifisch, wie diese Bemerkung schon zeigt, sondern per definitionem die Gruppe derjenigen, die sich aus den Dummen zusammensetzt. (Nr. 206)
Die Welt, in der der Mensch sich Gracián zufolge bewähren muss, ist für den Menschen selbst nicht klar durchschaubar, denn es herrscht nun keineswegs übersichtliche Ordnung, sondern ein schier unentwirrbar scheinendes Gemisch von Wahrheit und Täuschung, von Sein und Schein. Und zu allem Überfluss scheint eben aus der beschränkten Perspektive des Menschen nicht die göttliche Weltordnung, sondern die unbeständige und wankelmütige Fortuna die Welt zu regieren.
Fortuna wird im Kritikon nun allerdings so umgedeutet, dass sie als keineswegs blind erscheint, sondern sehr wohl sieht, was sie macht, sie ist geradezu eine Garantie der göttlichen Weltordnung, weil die Tatsache, dass man Fortuna nicht zwingen kann, gerade bedeutet, dass auch die Despoten und Tyrannen sich nicht darauf verlassen können, vor dem Sturz sicher zu sein. Die Unbeständigkeit des Schicksals, die von den Menschen so sehr beklagt wird, wird von Fortuna selbst gerechtfertigt und in ihrem tieferen Sinn offenbart:

Alles, was recht ist: Sollen etwa immer dieselben alles Glück genießen und die Benachteiligten nie zum Zuge kommen? Gott bewahre! Heda, Zeit! Drehen soll sich das Rad, immer um und um, nimmer stillestehen! Herunter mit den Stolzen und empor mit den Demütigen! Immer hübsch umgewälzt! Die einen sollen erfahren, was Leid heißt, die andern, was Freude. Wo doch auch so schon die Mächtigen, die auf den Thronen, obwohl sie es wissen und mich die Wendische nennen, nie an morgen denken, tiefer Stehende verachten, Schwache und Hilflose überrennen, was würden sie erst tun, wenn sie wüssten, ich kennte keinen Wandel? Heda, Zeit! Drehen soll sich das Rad. Wo sie doch so schon unerträglich sind, die Protze, die herrschsüchtigen, was wäre mit ihnen, könnten sie mir einen Nagel ins Rad treiben und so ihr Glück absichern? Das wäre nun wirklich verfehlt. Heda, Zeit! Drehen soll sich das Rad, und alle Welt soll einsehen, dass nichts Bestand hat, es sei denn die Tugend. (442)

Gracián lässt so durch den Mund der Fortuna selbst seine Meinungsverschieden- heit mit Machiavelli deutlich werden, der bekanntlich die These aufgestellt hatte, Fortuna sei ein Weib und man könne und solle sie schlagen, wenn man ihrer Herr werden wolle. (Principe, Kap. 25)
Berühmt wurde schließlich der Aphorismus 251 des Handorakels, der da lautet:

Man wende die menschlichen Mittel an, als ob es keine göttlichen, und die göttlichen, als ob es keine menschlichen gebe.

Und er fügt lakonisch hinzu: „Große Meisterregel, die keines Kommentars bedarf.“ Regel des großen Meisters – dies bezieht sich auf den Gründer des Jesuitenordens, den Heiligen Ignatius von Loyola, von dem der Satz überliefert ist, in Bezug auf den Dienst an Unserem Herrn gebrauche man alle menschlichen Mittel als hänge von ihnen der gute Ausgang der Sache ab; und in gleicher Weise vertraue man auf Gott, als hätten alle menschlichen Mittel keinerlei Wirkung.| 6 | Dieser Versuch, den menschlichen und göttlichen Bereich in ihrer Bezogenheit aufeinander zu bestimmen, ist nicht ohne Tücke, denn er hat in der Interpretation des Gracián dazu geführt, dass man die Unvereinbarkeit der christlichen Menschendeutung mit dem Geist des Kritikon behauptet hat.| 7 | Als Beleg wird angeführt, dass bei der Diskussion um den Vorrang der „artes“ die Theologie ausgeschlossen und das praktische Wissen auf die erste Stelle gehoben werde. Nun ist aber die Theologie keine praktische, sondern eine kontemplative Wissenschaft, die sich mit der Natur Gottes befasst, wie Gracián ausdrücklich festhält. Die Theologie erhält nämlich eine Sonderstellung zugesprochen, die sie bis über die Sterne erhebt, sie allein gilt als wahrhaft göttlich, weil sie sich gänzlich der Erkenntnis Gottes und der Erforschung seiner ungezählten Attribute widme. (549) Der Streit geht im folgenden dann nur noch darum, welche Wissenschaften und Künste in den irdischen Regionen den höchsten Rang beanspruchen dürfen, so dass etwa Naturphilosophie und Moralphilosophie um die Zustimmung der Geister ringen. Gracián vertritt auch hier eine eher konservative, skeptische Position, wenn er etwa die Leistung der Moralphilosophie nicht in irgendwelchen Neuerungen erblickt, sondern mehr in der Kunst weiser Auswahl aus dem Überlieferten. Angesichts der langen Erfahrung der Menschen müssen Neuerungen in dem Bereich, auf den es ankommt, nämlich in Bezug auf die Tugend, verdächtig erscheinen.
Im Letzten erschöpft sich die Klugheit, um die es Gracián zu tun ist, nicht in einer Weltklugheit im machiavellistischen Sinne. Es geht nicht um ein instrumentelles Verhältnis zur Welt, um die gewiefte Klugheit dessen, der jemandem im weiteren Sinne etwas verkaufen, ihn über das Ohr hauen will. Die Klugheit ist Teil der philosophischen Haltung zur Welt, denn, wie Gracián mit den abschließenden Worten seines „klugen Weltmannes“, des Discreto, sagt:

Der Gipfel der Klugheit ist es, philosophieren zu können und aus allem wie die emsige Biene entweder den Honig des schmackhaften Vorteils oder das Wachs für das Licht der Desillusion zu gewinnen. Wahre Philosophie ist nichts anderes als Meditation über den Tod, ist es doch nötig, ihn zuerst viele Male zu bedenken, um ihn dann ein einziges Mal gut zu bestehen. (Discreto, 148)

Ergänzt wird diese Bestimmung des Philosophierens durch den letzten Apho- rismus des Handorakels (Nr. 300), in dem Gracián das Ziel der Personwerdung lapidar darin sieht, ein Heiliger zu sein. Damit sei alles gesagt: Wie im Kritikon kommt es darauf an, in der Tugend das Band der Vollkommenheiten und den Mittelpunkt der Glückseligkeit zu erkennen. Im Angesicht des Wandels und der die Welt heute wie eh und je beherrschenden Narretei, der Scheingelehrsamkeit und des Pseudo-Tiefsinns, ist nur die Tugend eine Sache des Ernstes – „alles andere ist Scherz“. Weil es er mit der Tugend ernst meint, bleibt Gracián auch von jedem Nihilismus fern. Gegen die Schätzung äußerer Zufälligkeiten des Glücks, der Fortuna, ist allein die Tugend sich selbst genug. Denn während der Körper nur bis zum 25. Jahre wächst, wie Gracián jedenfalls meint, so wachse die Seele unaufhörlich, worin er einen Beweis für ihre Unsterblichkeit erblickt. (566) Das Mannesalter ist, weil in der Mitte des Lebens, das Beste, gleich weit von den Extremen der Jugend und des Alters entfernt, und am besten geeignet, jene wahre Herrschaft aufzurichten, auf die auch Gracián das Augenmerk lenkt – die Selbstherrschaft. Diese aber kann nicht gelingen ohne Selbsterkenntnis, d. h. ohne Einsicht in die eigene Neigung zur Torheit und Verschrobenheit. Graciáns Werk zielt deshalb auf Weltklugheit, auf praktische Weisheit, in der er das probateste Gegenmittel zu jener allgegenwärtigen und scheinbar allmächtigen Dummheit erblickt, die die Welt regiert.

T. Kinzel, 22. Oktober 2006

Oben stehender Text ist die gekürzte Fassung eines Vortrages, der am 21. März 2006 in der Arche Potsdam gehalten wurde.

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  | 1 | Handorakel, Aphorismus Nr. 143.

  | 2 | Ebd., Nr. 87.

  | 3 | Ebd., Nr. 416.

  | 4 | Ebd., Nr. 43. So ist überhaupt die Struktur dieser Aphorismen: Sie beginnen immer mit einer Aussage oder einem Stichwort, die dann im folgenden Abschnitt näher erläutert werden.

  | 5 | Werner Krauss: Graciáns Lebenslehre. Frankfurt a. M.: Klostermann, 1947, S. 100.

  | 6 | Baltasar Gracián: Oráculo manual y arte de prudencia. (hrsg. von Emilio Blanco). Madrid: Cátedra, 2001, Kommentar, S. 237.

  | 7 | Hugo Friedrich (im Nachwort zu: Baltasar Gracián, Criticón oder Über die allgemeinen Laster des Menschen. Übersetzt von Hans Studniczka (Auswahl). Reinbek: Rowohlt, 1957) und Gerhart Schröder (in: Ders., Baltasar Graciáns „Criticón“. Eine Untersuchung zur Beziehung zwischen Manierismus und Moralistik. München: Wilhelm Fink, 1966).

Über B. Gracián