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Polonia est omnis divisa in partes tres

Beitrag 15: Sigurd Paul Scheichl über Karl Kraus

In Heft 259/60 der Fackel von Karl Kraus (1908) steht in der 20 Seiten langen Aphorismenreihe „Tagebuch“ auf S. 46: „Polonia est omnis divisa in partes tres.“ Diesen Aphorismus hat der Autor zum Unterschied von den ihn umgebenden, wie etwa 140 andere, nicht in eine seiner in Buchform erschienenen Aphorismensammlungen aufgenommen.| 1 |
Als Siebenwortaphorismus müsste dieser Satz nach der etwas kuriosen, die Kürze von Aphorismen zum Hauptparameter der Qualität machenden Skala von Johnston als besonders gelungener Text angesehen werden. Auf diese Diskussion will ich mich hier nicht einlassen; von Kraus' Verfahrensweise der Verknappung und Verkürzung ist aber zu sprechen.
Vorher und in erster Linie ist auf das bei ihm (nicht nur in den Aphorismen) häufige Verfahren der Umdrehung, der Variation eines Sprichworts, einer Redewendung, eines Zitats oder ähnlicher fest gewordener Wortgruppen einzugehen; seine, wie hier (Austausch eines einzigen Wortes), oft minimalen Eingriffe verändern etwa den Sinn der zugrunde liegenden Formulierung völlig oder verbinden eine neue Vorstellung kontrastierend mit einem bereits ausformulierten Gedanken. So steht unmittelbar vor dem Polen-Aphorismus in einer vergleichbaren, Don Carlos und die österreichische Amtssprache amalgamierenden Variation eines Schiller-Zitats: „Sire, geben Sie wenigstens bis auf Widerruf freiwillig eröffnete Gedankengänge!“| 2 |
An welches Zitat Kraus in dem hier vorgestellten Aphorismus anschließt, braucht kaum gesagt werden: an den ersten Satz von Caesars De bello Gallico, damals wie bis vor wenigen Jahren der Einstiegstext für die Lektüre lateinischer Ganztexte in den höheren Klassen der österreichischen Gymnasien. Nicht selten musste dieser erste Satz als Beispiel für die elegante Komplexität der lateinischen Syntax sogar auswendig gelernt werden:

Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt Belgae, aliam Aquitani, tertiam qui ipsorum lingua Celtae, nostra Galli appellantur. Hi omnes lingua, institutis, legibus inter se differunt.
[dt.: Gallien in seiner Gesamtheit zerfällt in drei Teile, von denen einen die Belgier, einen zweiten die Aquitanier und den dritten jene bewohnen, die sich selbst Kelten, die aber wir Gallier nennen. Sie alle unterscheiden sich voneinander durch ihre Sprache, ihre Traditionen und ihre Gesetze.]

Man kann annehmen, dass auch Kraus diesen Satz wörtlich in Erinnerung hatte, zumal ihn die lateinische Sprache wegen der Präzision ihrer Grammatik stets interessiert, wenn nicht fasziniert hat: Immer wieder gebraucht er lateinische Zitate; manche Aufsätze des späteren Bandes Die Sprache argumentieren von der lateinischen Grammatik her.| 3 |
Der Bekanntheitsgrad der Wendung aus Caesars De bello Gallico dürfte so groß gewesen sein, dass sie eigentlich sogar in das von Werner Welzig herausgegebene Wörterbuch der Redensarten zu der von Karl Kraus 1899 bis 1936 herausgegebenen Zeitschrift „Die Fackel“| 4 | hätte Eingang finden können; das Fehlen des Zitats darf dem Werk allerdings auch nicht zum Vorwurf gemacht werden. Die Anspielung war 1908 für so gut wie alle Kraus-Leser klar (weniger für Kraus-Leserinnen, die noch weitgehend vom Lateinunterricht ausgeschlossen waren).
Was geschieht durch die Veränderung? Kraus spielt damit auf einen anderen Bereich des Schulwissens an: auf den Geschichteunterricht (der bei ihm sonst nicht so tiefe Spuren hinterlassen hat wie der Lateinunterricht). Zu seinem historischen Wissen gehörten selbstverständlich die polnischen Teilungen von 1772, 1792 und 1795, einer der Schandflecke der europäischen Geschichte des 18. Jahrhunderts: Die Großmächte Russland, Preußen und Österreich hatten sich damals die strukturelle Schwäche der polnischen Adelsrepublik zunutze gemacht, um diesen Staat in drei Anläufen zur Gänze unter sich aufzuteilen. Bei dieser Aufteilung ist es bis 1918 geblieben. Bis dahin war das ,Königreich Galizien und Lodomerien’ ein Teil Österreichs: das südöstliche Polen (um Krakau) und große Gebiete der heutigen westlichen Ukraine (um Lemberg/Lviv), in denen bis 1945 der polnische Anteil an der Bevölkerung sehr hoch war. Kraus hat im Geschichtsunterricht von den polnischen Teilungen vermutlich beschönigend als von einer friedlichen ,Mehrung des Reiches’ gehört und nicht als von einem politisch-moralischen Skandal. Ob er viel über den wahren Charakter dieses Ereignisses nachgedacht hat, muss ich dahin gestellt lassen.
Mit deren Folgen war er auf jeden Fall konfrontiert, hatten doch die Polen als eine der ,historischen Nationen’ in Österreich politisch großes Gewicht; so war der 1897 zurück getretene umstrittene Ministerpräsident Badeni ein polnischer Großgrundbesitzer. Der Polenklub, die Parlamentarier aus Galizien, galt als Mehrheitsbeschaffer für die Konservativen und war in Wien deshalb, aber auch wegen der Polonisierungspolitik gegenüber anderen Völkern nicht beliebt. Seine Angehörigen galten obendrein vielen als korrupt; das in der Wendung ‚polnische Wirtschaft’ kondensierte Vorurteil gegenüber den nordöstlichen Provinzen des Reichs dürfte mindestens dem jungen Kraus nicht ganz fremd gewesen sein.
Aus diesen politisch-historischen Gründen muss das „divisa est“ in Kraus' Aphorismus anders übersetzt werden als bei Caesar. Ist bei diesem die Übersetzung ,Gallien hat drei Teile’ denkbar, so muss eine deutsche Fassung von Kraus' Text unbedingt das Partizip ‚geteilt’ enthalten, um dem gemeinten Sachverhalt gerecht zu werden. Bei Caesar geht es um Geografie, bei Kraus um politische Geschichte, wo nicht um Politik. Im lateinischen „divisa“ steckt also geradezu ein deutsches Wortspiel, eine Unentschiedenheit zwischen Vorgangs- und Zustandspassiv.
Neben dem Ersatz von „Gallia“ durch „Polonia“ ist die Kürzung des Caesar-Satzes ein wesentlicher Eingriff. Aus der ethnografischen Beschreibung des antiken Autors wird hier ein Einzelsatz über ein politisches Ereignis, der schon durch seine Kürze wie ein Urteil wirkt. Auch das Fehlen des zweiten Satzes aus dem Bellum Gallicum, den sicher viele ebenfalls auswendig konnten, ist bedeutungstragend: Denn die Polen in den drei Staaten unterschieden sich gerade nicht durch Sprache und Tradition, notwendiger Weise allerdings durch die Gesetze.
Ob dieser Aphorismus einen unmittelbar aktuellen Anlass gehabt hat – der, wegen des Wegfallens der Aktualität oder wegen Kraus' Streben nach Entaktualisierung in seinen Büchern, die Nicht-Aufnahme des Satzes in Sprüche und Widersprüche erklären könnte –, ließ sich vorerst nicht feststellen.
Eine polenfeindliche Tendenz lässt sich wohl ausschließen. Die in der frühen Fackel manchmal spürbare Skepsis gegenüber den österreichischen Polen und dem Polenklub kann 1908, in der nach der ‚ästhetischen Wendung’ apolitisch gewordenen Fackel, kaum den Ausschlag für das Schreiben dieses pointierten Kurztexts gegeben haben. Zudem hatte Kraus in dem Polen Ludwig v. Janikowski (1868-1911), einem hohen Ministerialbeamten, einen sehr engen Freund, der ihn eben bei der Zusammenstellung seines ersten, übrigens Janikowski gewidmeten Buches, Sittlichkeit und Kriminalität, unterstützt hatte. Stanislaw Przybyszewski (in Berlin) und Thaddäus Rittner (in Wien), zwei sowohl deutsch als auch polnisch schreibende Autoren, waren damals gelegentlich Mitarbeiter der Fackel.
Dass Kraus sich hier, etwa unter dem Einfluss Janikowskis (über den man wenig weiß), in besonderem Maß kritisch mit der österreichischen Geschichte auseinandergesetzt hätte, ist ebenfalls unwahrscheinlich: Historische Themen haben ihn in der Regel nicht interessiert, kommen in den Aphorismen kaum je vor. Er mag aber in Gesprächen mit dem Freund einiges über Polen erfahren haben.
So bleibt als wahrscheinlichste Erklärung, dass Kraus der Umbau des Caesar-Satzes gereizt hat; dass die ästhetische Freude an der Verwandlung und Umdeutung eines berühmten und besonders elegant formulierten klassischen Zitats, am Witz dieser Verwandlung der Ausgangspunkt für diesen Aphorismus gewesen ist. Das verborgene Wortspiel mit den zwei möglichen deutschen Bedeutungen von „divisa est“, somit die Unübersetzbarkeit dieses Worts könnte ein zusätzlicher Anreiz für diese Formulierung gewesen sein.
Dass Kraus später bewusst geworden ist – vielleicht durch eine Bemerkung Janikowskis –, die sieben Worte könnten als polenfeindlich oder doch als taktlos gegenüber den Polen, deren nationales Trauma die Teilungen gewesen sind, missverstanden werden, mag die beste Erklärung für ihren Ausschluss aus Sprüche und Widersprüche sein. Ein solches Missverständnis war dem Autor, der leichtfertige Wortwitze verachtete und das Durchdenken aller Möglichkeiten des Verstehens als ein zentrales Gebot literarischen Formulierens postulierte, gewiss unerwünscht.
Auszuschließen ist, dass Kraus für das Buch auf den Aphorismus verzichtet hätte, weil zu befürchten gewesen wäre, das Latein würde nicht verstanden. Der variierte und verknappte Caesar-Satz ist viel mehr, über Kraus hinaus weisend, ein Beleg für die selbstverständliche Präsenz dieser Sprache bei gebildeten Lesern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der neulateinischen Dichtung zuordnen möchte ich ihn allerdings nicht; er bleibt ein deutscher Aphorismus in lateinischen Worten. „Polonia est omnis divisa in partes tres“, zeigt somit, wie sehr der Aphorismus eine Gattung für das Bildungsbürgertum war (oder noch ist) und ist zugleich ein insbesondere durch die Verschiebung der Pointe in eine fremde, gleichwohl (noch) vertraute Sprache außerordentlich witziges Beispiel für eine der wichtigsten Verfahrensweisen von Kraus' Aphoristik.

S. P. Scheichl, 19. Oktober 2005

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  | 1 | In Frage gekommen wäre die erste: Sprüche und Widersprüche, 1909.

  | 2 | Dieser Aphorismus ist in Sprüche und Widersprüche enthalten.

  | 3 | Hingegen hat der Griechisch-Unterricht bei ihm, trotz seiner auf einer Übersetzung beruhenden Aristophanes-Aktualisierung, kaum Spuren hinterlassen, gewiss nicht nur aus Gründen des Drucks.

  | 4 | Wien: Österreichische Akademie der Wissenschaften, 1999, 1056 Seiten.

Über Karl Kraus