Aphorismus.net

Anzeigen

Bemerkungen zu den Aphorismen

Beitrag 14: Fritz U. Krause über Robert Musil

Seit ich zum Leben erwacht bin, denke ich mir die Sache anders. (Musil)

Nur das Widersprüchliche kann dem Menschen wahr sein. (unbekannt)

Inhalt 

01 Aphorismus als Meinung in der Unwissenheit
02 Aphorismen als Unwissenheits-Empfindungen
03 Aphorismus und Denkverlegenheit
04 Aphorismus als Rohform
05 Aphorismus: Äußerungskern und anarchisches Drumherum
06 Der typische Musil-Aphorismus
07 Aphorismus-Entstehung
08 Stufen der Aphorismus-Entstehung
09 Der Aphorismus ein Produkt von Ästhetik und Genauigkeit
10 Aphorismen als Eintragungen der zuchtlosesten Form
11 Aphorismen entstehen aus resignativen Zuständen
12 Aphorismen als Ästhetik des Resignierens
13 Der Aphorismus und die Ironie der Schwäche
14 Aphorismus und Genauigkeit
15 Aphorismen: Lockversuche für den kräftigen Gedanken
16 Aphorismen als Energieträger
17 Aphorismen als Artefakte
18 Aphorismen: Selbstauratisierung und Niveaupotenzierung
19 Aphorismen: Repräsentationen des individuellen Anarchismus
20 Aphorismen als Travestie von Ästhetik und Ethik
21 Aphorismen als kriegerische Meinungs-Kundgaben
22 Aphorismen als Verlegenheits-Kundgaben
23 Aphorismen als erzwungene Arbeitsanfänge
24 Der Aphorismus als Rapial
25 Der Aphorismus ist „der Mensch selbst“
26 Aphorismen als Gegenentwürfe der Möglichkeitswelt
27 Aphorismen als Immoralismen
28 Aphorismus und beweglicher Geist
29 Aphorismen dienen nicht dem Mitteilungsbedürfnis
30 Der Aphorismus meidet die Redseligkeit
31 Aphorismus und Intentionalität
32 Aphorismus und Apperzeption des Ganzen
33 Aphorismus als phänomenologische Beschreibung
34 Aphorismus und literarisches Schaffen
35 Aphorismen als Empfindungs-Baconismus
36 Aphorismen als Gedankenempfindungen des Menschen im Menschen
37 Aphorismen und die Unklarheit des gefühlten Gedankens
38 Aphorismus-Zyklus
39 Aphorismus als Sinnzustand
40 Abschließende Aphorismus-Apologetik

01 Aphorismus als Meinung in der Unwissenheit

In der Mappe Aphorismen P schreibt Musil:

Ich müßte wohl über meine Unwissenheit klagen, die mir die Besinnung fühlbar macht. Es ist die heute kritische Situation des Meinenden, woran die Gelehrsamkeit übrigens nicht ohne Schuld ist. (2:926)

Klage über die eigene „Unwissenheit“ und Bedenken hinsichtlich des mentalen Zustands des Meinens, der Meinung und der „Meinenden“ und zugleich Skepsis gegenüber der „Gelehrsamkeit“ (1:458) sind hier die Stichworte. Sie durchziehen alle folgenden Bemerkungen zu Musils Aphorismen.

02 Aphorismen als Unwissenheits-Empfindungen

Hier sind psychische Bedingungen für das Hervorbringen jener „abgehobenen Bemerkungen“ (2:927) genannt, die in einem ungeregelten, ich-verstörenden Verhältnis von Wissen und Unwissen liegen. Musil nennt seine „Bemerkungen“ nur widerstrebend, aber eben doch ,Aphorismen’. Er weiß um die Gefahren „des sich selbst überlassenen Scharfsinns“ (1:926), jenes „Scharfsinns“ also, der sich nicht an positiven Fakten orientiert, sondern von sich selbst steigernder Spekulation und von sich selbst übertreffender Genauigkeit lebt. Genauigkeitstreben und Überarbeitungsmanie statt Wissens-Richtigkeit sind Unwissenheitskompensationen.

03 Aphorismus und Denkverlegenheit

Musil verfolgt seinen Beobachtungsgegenstand nicht vom üblichen wissenschaftlich-weltanschaulichen Standpunkt aus, er sucht vielmehr den phänomenologischen Zustand der Hellsichtigkeit für den reinen, natürlichen Gegenstand höheren Anspruchs. Diese neue Sichtqualität gebietet Abstand von den traditionellen Erfahrungen mit dem Gegenstand und verbietet realbezogenes, bewaffnetes Recherchieren. Die Versuche solcher reinen Zuwendung fallen aber oft kläglich aus. Es folgt dann ein Ausweichen auf schlichtere, weniger komplexe, ja geradezu gängige Gedankengegenstände. Die Normalität ist übermächtig; sie verleibt sich Ausreißergedanken stets wieder ein. Eingefahrene Sehweisen lassen nicht los; das Denken rutscht in alte Spuren. Jedes Wiederaufgreifen des kühnen Gedankens bleibt sodann ein zweifelhafter Versuch. Musil kann in solchen Situationen nicht mehr zurückklären, wonach er gesucht hat (1:441). Wissenschaftliche und philosophische Gedankenanleihen möchte er eigentlich vermeiden, doch sie drängen sich ihm auf. Ihn ärgert es, eigene Vorstellungen bei anderen Autoren schon angelegt zu sehn oder gar vorzufinden. Es geht ihm um „individuelle Wahrheit“ (1:116), die er mit störrischem Sinn, wie er selbst sagt, verfolgen will. In solcher Echtheitsskrise entstehen die „Bemerkungen“, die er auch als „Aphorismen“ bezeichnet; sie lösen oft seine ganze Abneigung aus:

Nicht Fisch und nicht Fleisch. Nicht Epigramm und nicht Entdeckung. Es fehlt ihm [dem Aphorismus] anscheinend an der Ganzheit, Einprägsamkeit, Reduzierbarkeit odgl. Bloß Bewegung ohne Ergebnis, Knotenpunkt usw. darum die Abneigung gegen ihn. (1:423).

04 Aphorismus als Rohform

Aus heuristischen Gründen sei mit prinzipieller Einstellung und Verfahrensweise die Unterscheidung in aphoristische Rohform und aphoristische Kunstform festgelegt – eine Unterscheidung, die Musil explizit nicht macht. Musils Aphorismen sind Rohformen wider Willen. Die Arbeit (Überarbeitung und Umarbeitung) an ihnen führt nicht zur Kunstform, sondern zu anarchischen Äußerungsgestalten. Die Rohform ergibt sich als Folge der stofflichen Dissipation und der verbleibenden Unschärfe des betrachteten Gegenstandes. Was immer auch weiter anders gedacht sein will, muss schließlich das Paradoxon: Genauigkeit durch Unschärfe als seine Erscheinungsform anerkennen. Es ist das Ergebnis der arabeskenhaften Komplexität des versuchenden Erfassens gegenstandsträchtiger Gedankenmengen. Zur Kunstform des Aphorismus dringt Musil so besehen nicht durch.

05 Aphorismus: Äußerungskern und anarchisches Drumherum

Innerhalb einer Äußerungseinheit steht oft ein Einzelsatz mit aphoristischer Formtypik, aber er ist umgeben von Argumenten, Stützungen, erläuternden Beispielen, Exkursen und Abschweifungen. Der Aphorismus ist Lebensdeutung in der Form des sich verästelnden Kommentierens, das plötzlich eine Blüte austreibt. Diese Blüte ist ein sich einstellender Erkenntniszustand. Der Aphorismus ist ein Rohprodukt, das bei der Durchgestaltung nicht zum klassischen Aphorismus verdichtet wird, sondern zur essayistischer Form entfaltet erscheinen kann. Der klassische Aphorismus als Kunstform lässt wie ein Gedicht keine Veränderung zu. Die Rohform fordert zur Veränderung auf.

06 Der typische Musil-Aphorismus

Es soll jetzt ein Aphorismus genannt sein, der prototypisch für Musils Arbeitsweise ist:

Die Menschheit gestattet sich überhaupt gerne in Ausnahmen, was sie sonst verbietet. So gilt es zum Beispiel als ein Zeichen schlechten Geschmacks, wenn nicht als eines der Dummheit, daß sich ein Mensch selbst lobt; wo Menschen aber als Masse, Partei, Glaubensgemeinschaft, Nation und ähnliches verbunden auftreten, loben sie sich schamlos. Sie loben sich, sobald sie ,wir’ statt ,ich’ sagen dürfen. Nur wir haben den rechten Willen, sind von Gott erleuchtet oder von der Geschichte berufen, ist noch das wenigste, was sie vorbringen; und sie halten das nicht nur für erlaubt, sondern noch für ein gutes Zeichen!
Bezeichnenderweise gilt in Zeiten, wo das überhandnimmt, der Dichter als überflüssig oder als Schwächling. (Bd. 7: 813)

Die vorbereitenden Sätze führen erhellend auf den eigentlichen Aphorismus zu. Der zweite Absatz enthält die gesamte Wirkung der Äußerung. Hier erweist sich der Aphorismus als solcher oder er tut es nicht.

07 Aphorismus-Entstehung

Die Entstehung einer literarischen Kurzäußerung wird von Musil recht genau beschrieben. Stichworte hierzu sind: phänomenologisierende Betrachtung, Empfindungs-Baconismus. Dazu Genaues in den Kapiteln 33 und 35.
Musil äußert sich zur Entstehung jener Rohform, die sich in ständiger Selbstinterpretation und Auslegung (1:118) als skeptisch-ironisch akzeptierte Endfassung geriert. Trotz unausbleiblicher Abneigung gegen das Ergebnis ist Musil zugleich von der Qualität der eigenen intellektuellen Leistung überzeugt. Das zeigen seine häufigen Vergleichsversuche beispielsweise mit Thomas Mann, Broch und Goethe.

08 Stufen der Aphorismus-Entstehung

Die Entstehung eines Textes beschreibt Musil folgendermaßen:

Der Gedanke geht nach allen Richtungen sofort immer weiter... das Resultat ist ein ungegliederter, amorpher Komplex. Im exakten Denken nun wird er durch das Ziel der Arbeit verschnürt, begrenzt, artikuliert... Dann kommt eine Periode, wo ich das Vorhandene bis ins Kleinste ausfeile... dann erst kann ich durch das nun Vollendete gefesselt und beengt, ,weiterdenken’... das Zusammenschnüren auf die größte intellektuelle Dichtigkeit... kommt erst nach diesen beiden Stadien.(1:116).

Musil unterscheidet als Stufe (1) das Sich-ansammeln eines amorphen Äußerungshaufens. Der Aphorismus ist hier ohne Grammatik wie ein dicker Mops. Stufe (2) ist eine Delimitierung und Setzung von Grenzsignalen. Stufe (3) ist die Grammatikalisierung des Ganzen, so wie das anatomische Skelett die Organe daran hindert, als Haufen aufeinanderzuliegen. Stufe (4) ist das „Zusammenschnüren auf Dichtigkeit“. Hier vollzieht Musil den Schritt der Aufmerksamkeitssteuerung im Text und die Wirkungsverdichtung auf einen aphoristischen Kern.

09 Der Aphorismus ein Produkt von Ästhetik und Genauigkeit

Das Ausfeilen bis ins Kleinste, von dem Musil in diesem Zusammenhang spricht, ist hier auf zweierlei Art zu verstehen: Da ist zunächst das Nachspüren des Sachlogik bis in ihre verzweigten Äste, dann die Vorstellung von der Adäquatheit der Beziehung zwischen Genauigkeit und Ästhetik.

Es genügt die Feststellung der Tatsache, daß prägnante Sätze ästhetisch wirken. Es gibt keinen Fall, wo das nicht so wäre... (1:122).

10 Aphorismen als Eintragungen der zuchtlosesten Form

Da jede Eintragung in die Notizbücher den erfühlten Gedanken zunächst nur in überlagerter (unreiner) Form bietet, enthalten diese Notizbücher keine Kunstprodukte, sondern Eintragungen in der „bequemsten und zuchtlosesten Form“; sie sind echte Tagebücher, in denen die Roheinfälle für eine etwaige Bearbeitung lagern. Hier wird man an Canettis Aufzeichnungen erinnern dürfen.
Diese Rohprodukte sind aber – das muss immer wieder betont sein – die Aphorismen, von denen Musil spricht. „Es ist nicht Kunst. Es solls nicht sein.“ (1:31).

11 Aphorismen entstehen aus resignativen Zuständen

Ein ungegliederter, amorpher Komplex als Schreibergebnis kann nur aus den Gründen des Scheiterns einer Absicht herrühren. Resignation des Aphoristikers komme aus der Einsicht in die verzweifelt gebärdende Unwissenheit. Die begleitende Stimmung des Aphorismus sei jene Resignation, „trotz der man sich noch einmal zusammennehme“. Die Aphorismen sind in dieser Anstrengung dann nichts anderes als Versuche, die „Unwissenheit zu kultivieren“ (2:509). Zumeist bleiben sie Gedankenversuche, die nicht befriedigen können (2:512). Vieles am Aphorismus scheint dabei nicht so, wie es sein könnte, und dennoch entzieht er sich einer endgütigen Fassung und scheint für eine Überarbeitung unzugänglich. Die resignativen Begleitumstände der Unvollkommenheit angesichts großartiger Erwartungen haben etwas Erhabenes an sich.

12 Aphorismen als Ästhetik des Resignierens

Religiosität ist Resignation. Resignation ist die Lebensform des heiteren Intellektuellen, wobei Lebensform jene Weise des Überlebens meint, die allein bleibt bei existentieller Bedrohung – wie dem Bären der Winterschlaf, wenn er nichts mehr zu fressen findet. Der Aphorismus hat nichts Entlarvendes, sondern wird diesem elementaren religiösen Aktbedürfnis gerecht.
So ist auch der Mann ohne Eigenschaften (MoE) ein tief religiöses Buch, allerdings ohne Konfessionalität. Ästhetik des Aphorismus setzt von der Moral ab und nähert sich der religiösen Empfindung.
Dieser resignative Zustand ist ein Zustand hoher Religiosität, die sich nicht unter die Herrschaft einer Konfession zwingen lässt. Canetti berichtet ausführlich davon. Musil empfindet mit seinem Genauigkeitsanspruch die Mentalität der Zeit: Der moderne Mensch hat die Wahrheitshoffnung – nicht freiwillig – aufgegeben und durch eine (phobische) Genauigkeitsverpflichtung ersetzt, der er wiederum hinsichtlich der Anspruchsschwankungen (therapeutisch) mit Ironie gegenübersteht.

Der gute Zukunftsmensch: er ist gerecht und lächelt ironisch dazu.

13 Der Aphorismus und die Ironie der Schwäche

Ironie verbindet sich mit der sich mutig gebenden Schwäche beim Aufbruch zum Anderen; Ironie sorgt dafür, dass diese Schwäche hinter der aphoristischen Äußerung sichtbar bleibt. „Die Ironie muß etwas Leidendes enthalten“ (2:500): Besserwisserei ist dem Aphorismus fremd; Macht ist ihm unbekannt. Die widersprechenden Richtungen der beweglichen Intelligenz und das gleichzeitige „Nebeneinander von Interessen ganz verschiedener Dimensionen“ (1:478) lassen keinen Geistesimperialismus zu. „Induktive Bescheidenheit“ (1:500) und ironisches Leiden an der Bekenntnislosigkeit sind Erscheinungsformen der Resignation.

14 Aphorismus und Genauigkeit

Situationsgemäßes Genauigkeitsstreben als Ersatz für übersituative Wahrheit erscheint dem Skeptiker als ein zu belächelndes Pathos. Genauigkeit ist ein Bedürfnis, dem nachzugehen ruhig stellt. Genauigkeit gibt zwar hohen Anspruch vor, schafft aber nur jene überschaubare Ordnung, die beruhigt und tröstet (2:500). Sie lenkt ab und hilft mit „gezähmten Begriffen“ über die Unwissenheit hinweg. „Vielseitige Unbildung“ (2:796), so bekennt Musil, charakterisiere ihn. Sie löst bei ihm einen neurotischen Zwang zur Genauigkeit aus, der sich in vielen, oft wohl sinnlosen Umarbeitungen fertiger Kapitel des MoE zeigt. Genauigkeit ist Unwissens-Kompensation, zudem noch versteckt hinter ästhetischer Attitüde. Nichts wird durch Umarbeitung tatsächlich besser, der Gedanke verschiebt sich nur, um schließlich auch in der neuen Fassung schal zu werden. Genauigkeit und Seele: Der Aphorismus ist immer in Gefahr, an dieser Unvereinbarkeit zu scheitern.

15 Aphorismen: Lockversuche für den kräftigen Gedanken

Umarbeitungen sind Unfruchtbarkeitsbekundungen und zugleich Versuche, den „kräftigen Gedanken“ zu locken. Die „leidenschaftliche Energie des Gedankens“ (1:116) wird angestrebt. Nur das Besondere kann sie auslösen, alles andere langweilt. Ein misslungener Aphorismus langweilt in besonderem Maße, da durch ihn die Hoffnung auf Gefühlsenergie und Verstandeskraft getäuscht wird wie eine Liebesbeziehung.

16 Aphorismen als Energieträger

Auch ein Aphorismusschreiber ahnt zunächst nur, was er formuliert hat. Aus der Tiefe seines Innenlebens ist eine „Bemerkung“ plötzlich an die Oberfläche gekommen. Die eigene „Bemerkung“ überrascht ihn selbst und belebt ihn. Diese Energieübertragung vom Aphorismus auf den Aphorismusschreiber und -leser ist das Besondere. Verblüfft und begeistert wird von beiden der überraschende Anstoß aufgenommen. Fehlt dem Aphorismus die Energie ist er enttäuschend, banal und weniger als nichts.

17 Aphorismen als Artefakte

Musil sieht Aphorismen als sein geistiges Eigentum an: Individuale Wahrheiten. Dennoch trotz persönlicher Erkenntnisgewissheit bleibt sein Aphorismus ein offenes Artefakt. Ein Artefakt hat die Besonderheit, dass es durch schöpferische Rezeption zu Ende geführt werden muss. Ein Artefakt ist ein künstlerisches Halbprodukt, ein ästhetisches Gegenstandsangebot, das mit der Eigenphantasie des Rezipienten zum Kunstwerk vollendet wird. Das Artefakt übt durch seine Affizierungs-Energie Reiz zur Fremdvollendung auf jedermann aus. Der Aphorismus ist ein Artefakt; er wird durch Zuendeführung jedermanns Individual-Eigentum, er wird dem entsprechend mit großer Selbstverständlichkeit gesellschaftlich zur Schau gestellt wird. Auch Musil will ein „geistreicher Schriftsteller“ (1:128) sein, der seine eigene Vollendung im Produktionsprozess beim Umgang mit dem eigenen Aphorismus vollzogen sehen will.

18 Aphorismen: Selbstauratisierung und Niveaupotenzierung

Aphorismen als Artefakte reizen zur Ausarbeitung und zur Verdeutlichung verborgener pragmatischer Konsequenzen. So sucht Musil mit ihnen die Selbstauratisierung. Er gerät bei den ständigen Niveaupotenzierungen allerdings oft in jene bekannte „intellektuelle Verzweiflung“ und Mutlosigkeit, die oben bereits als resignativer Zug genannt wurde. Diese Verzweiflung äußert sich in rastloser Arbeitsmanie. Die Auratisierung steht in besonderem Widerspruch zu moderner Empfindung. Heute fragt man mit verändertem Selbstwissen:

Sollte man dem Verlust der Aura, des Ortes, des Ursprungs, des auratisierenden „Hier und Jetzt“ nachtrauern? Oder kündigte sich durch den vielfachen Verlust ein neues, auraloses Hier und Jetzt an, das doch einen eigenen Glanz hätte, ein hyperkulturelles Hiersein, das mit dem Überallsein zusammenfällt? (Han 2005)| 1 |

Der Aphorismus als allgemeine Aussage fordert damit heute uneingeschränkt den globalen Stellenwert, zu dem er immer schon neigte und den Musil ihm mit seinem auktorialautistischen Denkansatz nicht ohne zögern zusprechen konnte. Es ist die Zufälligkeit ichhaften Wissens und die intrapersonal sich ausweitende Andersartigkeit sowie die Absetzung vom Normalen, die dem Musilschen Aphorismus den Wert der auratischen Botschaft verleihen. Das Auratische seinerseits beansprucht in der Rezeption globale Bedeutung.

19 Aphorismen: Repräsentationen des individuellen Anarchismus

Aphorismen als Vorstellungskeime dringen gedanklich auf Entwicklung, Entfaltung und wollen auf Konsequenzen hingeführt sein. Bei diesem Prozess gibt es Schwierigkeiten, die Regierungsgewalt über den Aphorismus zu behalten. Musil vergleicht das Romanschreiben mit dem Verwalten eines Königsreiches. Bei jedem Ausarbeitungsschritt vorwärts gebe es auch einen Schritt zur Seite:

Der Gedanke geht nach allen Richtungen fort immer weiter, die Einfälle wachsen an allen Seiten auseinander heraus, das Resultat ist ein ungegliederter, amorpher Komplex... (1:116)

Musil hat Mühe, den aphoristischen Gegenstand immer wieder „mit dem aus dem Gegenstand kommenden methodischen Forderungen... im exakten Denken... zu verschnüren.“ (1:116). Das ständige Schwanken zwischen Unfruchtbarkeit aus Faktenunsicherheit und Gedankendissipation ist ein belastender Zustand. Hinzu kommt der Druck der Erfüllung des „Besonderen“ des Gedankens. „Individuellen Anarchismus“ nennt Musil diesen Produktionszustand. Es ist ein Zustand, in dem es gilt, gerade „anders“ zu denken als der, dessen Normalität Schon-Gesagtes immer wieder als Stereotype hervorbringt, und als der, der wegen mangelnder Erkenntnismobilität den Weg zu einer „höheren moralischen Artung“ (1:504) längst abgebrochen hat.

20 Aphorismen als Travestie von Ästhetik und Ethik

Der Aphorismus als Erkenntnisblüte ist für Musil ästhetischer Genuss, ästhetische Travestie von Gefühl und Verstand. Das ironisierende Ästhetische löst die Ernsthaftigkeit ethischer Bestimmungen ab. Überwindungen der Ethik durch die Ästhetik sind seit Schiller abendländische Tradition.

Ich habe von Jugend an das Ästhetische als Ethik betrachtet. (1:429)

21 Aphorismen als kriegerische Meinungs-Kundgaben

Unwissenheit verführt zu kühnen Spekulationen, deren zweifelhafte Richtigkeit durch aggressives Meinen ersetzt wird. Eine Meinung ist das, von dem man gerne hätte, das es so wäre (althochdeutsch: minnón / lieben, verehren). Eine Meinung gibt kaum objektive Daten wieder, ist vielmehr Repräsentation eines zufälligen, entwicklungsbedingten subjektiven Mental-Zustandes. Eine Meinung ist die Vorstellung, die man im Wahrheitsstreit bevorzugt und liebt; sie ist die Krücke, an der das Selbstbewusstsein in Krisenzeiten geht. Die psychische Notwendigkeit dieses Zustandes und der drückende Überwindungszwang des Unwissens sind Ursache der Aggressivität der Kundgabe.
In solchen Krisenzeiten der Entwicklung neigt Musil entweder zu sich steigernden Text-Präzisierungen und Selbstkommentierungen oder aber er produziert stattdessen eine „Handvoll Bemerkungen“, entwickelt Sinn für das „Meinungs-Rapial“ (2:926). Er erlebt sich als „Meinender“. Diese Meinungen geben sich „kriegerisch“, in der Art wie es die Schwäche tut, die sich als Stärke aufführt. „Rapial“ sei „ein kriegerisches Wort“ (2:935) begründet Musil seine Bezeichnungswahl.

22 Aphorismen als Verlegenheits-Kundgaben

Meinungen sind für Musil individuale Lieblingsvorstellungen, die in dichterische und gelehrsame Äußerungen wie von selbst eindringen, obwohl sie keine poetisch-repräsentativen, einschlägigen Lebensweisheiten sind und wissenschaftlich-deduktiv nicht zur Geltung kommen dürften. (1:458). Meinungen sind poetische und wissenschaftliche Verlegenheiten, Zeichen des Ich-weiß-nicht-weiter, aber Ich-will-mitreden.

23 Aphorismen als erzwungene Arbeitsanfänge

Eine „Handvoll Bemerkungen“ in aphoristischer Manier bilden für Musil den Verlegenheitsstart zum Erzwingen eines Arbeitsanfangs. Krisenhafte Situationen fordern und verhindern zugleich den Arbeitsanfang. Krisen entstehen ihm, wenn die normal erscheinende Notwendigkeits- und Wirklichkeitswelt von phantastischen Möglichkeitswelten beunruhigt und bedroht wird, aber die Bewältigung in der Banalität von Kommentaren stecken bleibt.

24 Der Aphorismus als Rapial

Das anspruchsvolle Wort ,Rapial’, die Bezeichnung ,Aphorismus’ für diese Arbeitsanfänge sollen die Mäßigkeit des zufälligen Gedankens aufwerten. Musil freut sich, wenn er „schöne Namen“ findet: „monsieur le vivisecteur“ (1:25). Ein Rapial „ist ein Symbol für meine Konstitution“ (2:920), schreibt er in Anspruch nehmend. Musil sträubt sich gegen banale Bezeichnungen wie ,Gedankenblitze’ oder ,Gedankensplitter’, wohl weil sie zu sehr zutreffen. Genau genommen weiß er ,Aphorismen’ nicht von verwandten Gattungen wie Fragment, Bemerkung, Sentenz, Notiz u.a. abzusetzen. Diese Bezeichnungen stehen deshalb auch gleichberechtigt neben Aphorismus. Nur in Andeutungen billigt Musil dem Aphorismus gattungsmäßige Merkmale zu: beschränkt sich dabei auf nichtssagende Ausdrücke wie ,echt’, ,gehämmert’ und Feststellungen wie: der Mensch selbst sei im Aphorismus gegeben (2:921).
Über die Ausarbeitungsqualität seiner ,Bemerkungen’ schreibt Musil:

Die Notizen... und die Aphorismen zeigen die gleichen Schwierigkeiten der Ausarbeitung. Über beiden waltet kein Wille, Entschluss, Affekt, der zur Wahl nötigt. Ein Gedanke schließt sich an den andern, und das geht nach vielen Richtungen. (2:921)

25 Der Aphorismus ist „der Mensch selbst“

Der oben skizzierte psychische Zustand, der der Entstehung der ,Bemerkungen’ zugrunde liegt, wird von Musil selbstkritisch eingeschätzt. Die häufig gestellte Frage nach dem Wesen von Aphorismus und Rapial ist nicht literaturtheoretischer oder produktionstechnischer Art, dient damit nicht der Klärung der Gattungs- oder Textsortenbestimmung. Die Frage ist vielmehr autorial-existentiell ausgelöst und will doch nicht beantwortet sein: Die Einsicht in die eigene schöpferische Seinsweise würde ihm als Person zu nahe rücken. Der Aphorismus ist der Mensch selber. Diese Einsicht ängstigt.

26 Aphorismen als Gegenentwürfe der Möglichkeitswelt

Musil begegnet jeglicher Faktennormalität mit skeptischer und poetisch-kreativer Einstellung. Er fragt sich sofort, ob man diese Fakten nicht auch ganz anders sehen könne, ob man sie ihrer Selbstverständlichkeit berauben könne, ob man nicht eine Immoralität entwerfen könne, die die Normalität aufbrechend verstörte. Ästhetisierte Probleme in ihrer grundsätzlichen (dem Sprachgebrauch zuwiderstehenden) Unlösbarkeit sind wie Mythen. Sie sind die aus der Romantik bekannten ,Ideenparadiese’ des Dichters. Musil gerät allerdings mit solch skeptischen Zuständen zugleich und sofort in eine gestalterische Krise. Das verschärft sich, wenn positive Fakten aufdringlichen Alltags sich nicht in Probleme (ästhetisierte Fakten) auflösen lassen wollen und beharrlich auf ihren festen Rahmen verweisen. Dann reicht die schöpferische Kraft zunächst nur zu einer „Handvoll Bemerkungen: Was ist eine Straße?“ (1:28).
Besonders krisenhaft ist für Musil die Situation, wenn er die Fakten, die er auflösen will, nicht recht durchschaut, also – wie oben gesagt – auf Grund von Wissensmängeln die schöpferische Phantasie im Umgang mit dem Gegenstand zu sehr gefordert wird. Die aphoristischen Bemerkungen sind dann Verlegenheitsäußerungen, Überbrückungen und Starthilfen für die literarische Produktion. Bei solchen aphoristischen Bemerkungen hat Musil den Wunsch, sie möchten „der Vater eines tatsächlichen verwendbaren Gedankens sein“ (2: 824; 925):

...die Hauptsache ist anzufangen! ... Dazu erschien mir nun doch wieder als geeignetste Form das Rapial. (2:920)

27 Aphorismen als Immoralismen

Immoralismen sind Gegenvorschläge, die als ästhetische Utopien und Idealutopien (Schiller) das Unmögliche möglich erscheinen lassen, aber objektiv außerhalb von Raum und Zeit, zugleich als Kunstgegenstände fiktiv in Raum und Zeit mit der Zuwendung des interesselosen Wohlfallens und dem Status des Zweckes in selbst stehen bleiben (Kant). Immoralismen sind die Sachen anders gedacht – und sie geben zu denken. Die Gegenvorschläge treten nicht in Konkurrenz zu Realien und Realutopien, es fehlt ihnen die missionierende Aggression. Daraus wird verständlich: Ausführliches Recherchieren von Fakten für seine Arbeiten ist Musil nicht eigen. Es geht ihm auch gar nicht um den Naturalismus des Gedankens. Es ist der Wahnsinn des Immoralismus, der lockt und in allem steckt:

Seit ich zum Leben erwacht bin, denke ich mir die Sache anders (1:213),

so beginnt programmatisch Heft 19 seines Tagebuches.

28 Aphorismus und beweglicher Geist

Es ist der „höhere Moralismus“ (1:453), der ihn interessiert, jener Immoralismus also, der die Welt der Normalität und Moralität als eine Stück-, Schein- und Zufallswelt ansieht, als einen durch eine (zufällige) Autorität in seinem Dasein legitimierten Seinsausschnitt. Die Immoralität ist Moralität des konstruktiven Neuvorschlags aus der Autonomie der individualen Existenzempfindung. Gegenüber dem Anspruch des gesellschaftlich legitimierten Normalzustandes verhält sich Musil „untadelig“ im Sinne der korrekten Distanziertheit. Revolutionärer Terror ist seinem „konservativen Anarchismus“ fremd; die „Exterritorialität des geistigen Menschen“ (1:403) ist die Verfasstheit seines Denkens. „Eigenschaftslosigkeit“ wird der Gegenbegriff zu Normalität und Moralität. „Welcher bewegliche Geist könnte eine feste Haltung einnehmen?“ fragt Musil. Dem beweglichen Geist fehlt jene vorentscheidend bejahende, beziehungsweise vorentscheidend verneinende Grundeinstellung, die als Gefühl dem eigentlichen Urteil vorausgeht. Diese vorentscheidende Einstellung, die dem Intellektuellen fehlt, drängt sich gattungskennzeichnend für Talk-Beiträge in literarischen Shows auf. Sie gelten dort als Ausweis von Rezensentenkompetenz. Der Aphorismus ist dagegen die eindeutige Aussage, die dennoch ohne Vorentscheidung ist. Er ist Repräsentant einer sich gegenständlich zuspitzenden Ungewissheit. Die zugespitzte Gewissheit des Talk-Rezensenten beruht auf der kalkulierten Abwägung des Effekts und bleibt völlig situationgebunden. Das versuchende Denken, das hinter dem gebündelten Gedanken des Aphorismus sichtbar bleibt, fehlt dem Talk-Beitrag völlig. (Darum ist gerade Reich-Ranicki die Fähigkeit zum Aphorismus nicht (mehr) gegeben.)

29 Aphorismen dienen nicht dem Mitteilungsbedürfnis

Im eigenen Denken macht die Qualität der Abweichung von der Normalität den Grad des ästhetischen Reizes. So durchspürt Musil mit kritischer Einstellung den fertigen Text. Das schale Gefühl des abgewickelten Gedankens springt ihn dabei an. Das Verwerfen wird seine dichterische Hauptentscheidung. Was dann stehen bleibt, ist oft verquer zum Vorderen, und es häuft sich. Was stehen bleibt, ist oft schief, entstellt bis zur faden „Tiefsinnigkeit“. Die Schreibpflicht der nächsten Arbeitszeit überwindet alles zu neuer Deutung und Kommentierung: Musils Dichterzustand.

30 Der Aphorismus meidet die Redseligkeit

Leserbezogene Redseligkeit oder Fabulierlust sind Musil fremd. Nicht die „geschäftige“ oder „versenkte Phantasie“ (1:469) lenkt sein Tun. Es ist der kritische Blick des „Es-könnte-auch-anders-sein“, der ihn weitertreibt. Daraus resultiert auch das von Musil selbst bekannte „geringe Mitteilungsbedürfnis“ (1:455).

31 Aphorismus und Intentionalität

Musil vertraut auf die vorwärtsführende Sachlogik bei der Behandlung seiner Gedankendinge. Die Sachlogik ergibt sich intuitiv mit der intentionalen Zuwendung. Sie sondert ab, gibt den Blick frei. Ausführliche erfahrungsgeprüfte Sachstudien hat Musil – und er hält diesen Tatbestand für kennzeichnend – nie unternommen. Er arbeitet bei seinem Sachzugang mit ,spärlichen Hilfsmitteln’ (1:450). Hilfsmittel sind ihm gemäß phänomenologischer Einstellung Entstellungsursachen. Schließlich hat Musil seinen Realitätsbezug durch sein Möglichkeitsdenken aus der Prägung von Wirklichkeit und Notwendigkeit genommen.
Jene Sachlogik entspricht nicht wissenschaftlichen Erklärungsvorschlägen und -modellen, die hinsichtlich des Gegenstandes einschlägig sind, sondern eröffnet die intentionale Zuwendung, die von der normalen, überlagerten, unreinen Erfahrung abweicht. Das Normale erweist sich als Schein, da hier Wirklichkeit im wissenschaftlichen Konsensgebrauch mit einschlägigen Erkenntnisverfahren assoziativ erfasst wird. Die Sachkenntnis soll aber die Empfindung der Sache selbst sein durch unbedingte, unvermittelte, reine Erfahrung.

32 Aphorismus und Apperzeption des Ganzen

Die Apperzeption des Ganzen ergibt das komplexe Ich, wie die Mystiker es nennen (1:82). Unverkennbar ist hier der Person-Begriff Schelers in der Gedankenwelt Musils. Musil kennt Schelers Schrift Phänomenologie der Sympathiegefühle (1:445), er weiß also von dessen Vorschlag, die Person als konkrete Seinseinheit intentionaler Akte anzusehen, jenen nahezu mystischen Prozess der reinen Objekterfahrung:

,Ich liebe etwas’ enthält ebensoviel von der Subjektivität des Ichs wie von der Objektivität des etwas! In diesem Sinn kann man denken, und es braucht weder ein persönlicher Gedanken zu sein, der zu meinem Ich gehört, noch ein ganz persönlicher, dem die Unpersönlichkeit der Wahrheit zukommt. (1:228).

Das sind zwar nicht Schelers Gedanken in exakter Ausdeutung, aber die phänomenologische Psychologie mit ihren Inhalten war Zeitgedanke und hatte in vielen Gestalten Verbreitung.

33 Aphorismus als phänomenologische Beschreibung

Das von Musil beschriebene Verfahren der Herstellung eines Textes ist die Beschreibung einer phänomenologischen Beschreibung, einer Reduktion auf einen ästhetischen Gegenstand: „Stilisieren heißt sehen.“ Hieraus rührt auch die ganze Umständlichkeit der beschriebenen Bemühung. Sie dokumentiert die immer wieder ansetzenden, mühsam gelingenden Freilegungsversuche einer ins Auge gefassten Sache.
Musils Verfahren der phänomenologischen Intention ist die permanente Aktivierung der „Es-könnte-auch-ganz-anders-sein“-Empfindung. Umarbeitung ist die praktische Folge. Sie ist der Versuch, dichter an die Sache selbst zu kommen, mittels immer genauer beschreibender Sprache die Vorurteile zur Sache zugunsten intentionaler Zuwendung abzuräumen.

34 Aphorismus und literarisches Schaffen

Musil weiß, dass Rapial und Roman, vom schöpferischen, kleinschrittigen Prozess her gesehen, bei ihm „Hand in Hand“ (2:922) gehen, dass sein Romanschreiben der Ausgestaltung von Aphorismen entspricht (2:917). Es sei hier angemerkt, dass solch ein Verfahren auch in Goethes Wilhelm Meister zu beobachten ist: Viele Kleinstnovellen in der Größenordnung von wenigen Sätzen reihen sich hier aneinander und warten auf ihren Ausbau. In den Musilschen ,Bemerkungen’ ist die spontane, nicht-systemhaft hergeleitete, zufällige, über Jahre gewachsene und plötzlich Ausdruck gewordene Einsicht deutlich. Sie entspricht der Ichhaftigkeit des Gedankens. Diese Ichhaftigkeit wird aber verstanden und bestätigt von der allgemeinen Erfahrung des Lesers. Musil setzt stets ein hohes Maß an allgemeinem Problemvorverständnis beim Leser voraus, einen hohen Grad an selbstmitgebrachter Erfahrung. Hierbei handelt es sich allerdings nicht um faktische, sondern um elementare, empfindungsbezogene Daseinserfahrung. Das ganz persönlich Ichhafte und das zugleich menschlich Allgemeingültige in Verbindung gebracht, sind textsortentypisch für den Aphorismus von Musil. Die Musilsche Novelle Grigia zum Beispiel, ist die Ausgestaltung eines Lebensknotens. Der Lebensknoten ist der Mensch selbst: der der Auflösung entgegengehende „Homo“.
Der Umgang mit dem Aphorismus ist für Musil die Fähigkeit, „mit einem Anarchisten lächelnd, selbst von ihm lernend, zu verkehren.“ (2:880)

35 Aphorismen als Empfindungs-Baconismus

Man kann zwei sich ausschließende Dinge zugleich behaupten und doch recht haben (1:32). Der Verstand hält die Dinge nicht zusammen. Die Abkehr vom Verstande (1:37), vom Ratioiden, hin zum „Andern Zustand“ ist die bekannte Folge. Nicht der großstrukturierte Entwurf, nicht das große Gedankenereignis halten ihn, sondern die Feststellung des kleinsten Bestandteiles, jenes feinen, kaum bemerkten Mienenspiels (Georg Büchner), das den Geschehnissen die zunächst unbemerkte Wende gibt, die dann aber zum eben Anderen, zur unmöglichen Möglichkeit führt. Empfindungs-Baconismus nennt Musil diese Beobachtungshaltung. Es ist eine zufällige Beobachtungshaltung; aus dem Gefühl „denkt sich etwas herauf“ bis in den „hellen Bezirk“, begleitet vom Gefühl der „Vollendung“ und Sicherheit (1:79).

36 Aphorismen als Gedankenempfindungen des Menschen im Menschen

Die Gedankenempfindung sei ein Seelengut, das ohne Herrschaftsanspruch auftrete, wie oben bereits auch den Immoralismen zugesprochen. Musil beruft sich auf Novalis: Die Seele wohne wie ein ungelöstes Rätsel in ihm, sie lasse dem sichtbaren Menschen die größte Willkür, da sie ihn auf keine Weise beherrschen könne (1:81). Hier ist an Heinrich von Ofterdingen zu denken, den Musil gelesen hat. Wenn Musil der Seele dennoch ein „Durchschimmern“ zubilligt in den Handlungen und Worten des Menschen, dann ist die Seele jener „helle Bezirk“, nämlich der Sinn einer neuen, anderen Welt, des anderen Menschen im Menschen. (1:290).

37 Aphorismen und die Unklarheit des gefühlten Gedankens

Dass Gefühle der Ausgangspunkt des Denkens sind, wird heute (Lit) deutlicher. Die Klarheit des gefühlten Gedankens bleibt im Aphorismus zumeist aus. Das Andere, was gedacht wird, hat nicht die Vollkommenheit des reinen Erlebens, bleibt sehr oft lediglich Gedankenopposition gegenüber dem Normalen und Gewohnten. Der Versuch intellektueller Redlichkeit/Gerechtigkeit ist gutgemeintes Wollen – ein Wollen, im gedachten Anderen die vermisste Wahrheit sichtbar sein zu lassen.

38 Aphorismus-Zyklus

Die „Notizen“ erwachsen aus der Anstrengung der täglich selbstauferlegten Arbeitsverpflichtung zum zu schaffenden „einen schönen Gedanken“ (1:32). Nicht die Mannigfaltigkeit von Kenntnissen, sondern „einige lebenskräftige Gedanken bilden einen kräftigen Geist“. Aus dem Undeutlichen der Empfindung ergeben sie sich so unerwartet wie angestrebt, im Zustand der Klarsichtigkeit. Sie werden als „Bemerkungen, Aphorismen“ oder „Gedanken“ in Notizbücher aufgenommen.
Am schönsten erscheinen Musil die Momente des Entstehens der Gedanken. Unvermittelt, ohne Vorankündigung treten sie wie Abbreviaturen ins Leben. Sofort begleitet von dem Umstand, dass sie, einmal gedacht, gleichgültig werden. Dieser Umstand löse Schmerz aus: „Jeder Mensch“ sei „der Friedhof seiner Gedanken.“ (1:43).

39 Aphorismus als Sinnzustand

Der Sinn des Aphorismus ist der auszulösende Seelenzustand. Er zeigt sich im besonderen Sprechen, das dann „Dichten“ genannt wird. Lesen ist die Übermittlung dieses Zustands. (1:204). Der Zustand selbst bleibt flüchtig, er kann nichts Reales tragen (1:284). Der „Andere Zustand“ ist allerdings nicht der Zustand, der einen Aphorismus entstehen lässt. Jener ist eher ein gegenteiliger Zustand der Verkrampfung und gedanklichen Dürre oder der gedanklichen Ausuferung, also das Abreißen des Verständnisses. So Homos Nachgehen „Grigias“ in die Berge. Der „Andere Zustand“ ist allerdings Thema von Aphorismen.

40 Abschließende Aphorismus-Apologetik

Aphorismen sind entstanden aus dem Zufall und den Anlässen der Situation, ausgelöst vom Nebenher des Lebens. Es sind Einfälle, oft enthalten sie „nichts eigentlich Neues“, wirken also allein aus einer unerklärbaren, punktuellen Aktualität des Zwanges zur Möglichkeitswahrnehmung (1:301).
Notierte Lebensumstände (1:313), Materialbruchstücke aus der Philosophie, Randbemerkungen, die im wahrsten Sinne „gelegentlich“ und „ungelegen“ sind (1:289), die sich aber herausnehmen, das tatsächlich Wichtige ins Nebenbei zu verdrängen. Alle diese Ausgeburten einer intellektuellen Phantasie sind nicht aus einer Systematik entwickelt, sie sind Findlinge, dennoch gibt es ein „schattenhaftes Zueinandergehören“. Gewisse Zusammenhänge ziehen sich durch, aber oft sind sie unterirdisch.
Die Unvollkommenheit verbreitet sich als starker Eindruck, und Musil schreibt selbst, es sei unangenehm, eine Reihe von Aphorismen hintereinander zu ertragen. (1:542). Die Aphorismen als „individuelle Anarchisten“ wirken schließlich doch besserwisserisch, aufdringlich in ihrer querulantischen Abweichlerei. Der Dichter sei aber ein Verwesungsprodukt (1:362), seine Notizen und Fragmente beunruhigen durch persönlichen Wahnsinn, sie seien ,Krankheitsformen’ (1:34). Doch diese in Schubladen aufgehobenen, von der Wirklichkeitswirkung abgehobenen Bemerkungen sind der Grundstock für die tägliche Schreibfabrikation. Sie lösen zunächst Dissipationen aus, aus denen sich dann im zweiten Schritt in der Konzentration die Sachen als solche ergeben. Sie sind dann die gedankliche Basis für die entstehenden Essays.
Die Aphorismen sind die Rohprodukte für die Essays und Romane, zu einer eigenen Kunstform sind bei Musil nicht gelangt. Die Aphorismen bleiben unvollendete Rohprodukte voller Widersprüchlichkeit, denn sie wollen wahr sein.

F. U. Krause, 14. Mai 2005

———————————

Die Quellen:

    # Robert Musil, Tagebücher, Aphorismen, Essays und Reden, hrsg. von A. Frisé. Hamburg 1955, S. 23-586.

    # Robert Musil, Stichworte zu den Aufzeichnungen eines Schriftstellers, 1978, S. 917-935. (= Robert Musil, Gesammelte Werke, hrsg. von A. Frisé. Hamburg 1978, Band 7). Die hier vorgelegten „Bemerkungen“ sind Stichsätze für einen Vortrag. Eine frühe Fassung dieser Bemerkungen ist zu finden in: Dieter P. Farda, Ulrich Karthaus (Hrsg.), Sprachästhetische Sinnvermittlung. Frankfurt am Main 1982.

 | 1 | Byung-Chul Han: Hyperkulturalität. Kultur und Globalisierung. Berlin: Merve, 2005.

Über Robert Musil

» Cary Henderson: „Zur Essayistik von Friedrich Nietzsche und Robert Musil“, in: Focus on Literatur (FocL), S. 9-22.

» Josef Strutz: „Der Mann ohne Konzessionen. Essayismus als poetisches Prinzip bei Musil und Altenberg“, in: Robert Musil. Essayismus und Ironie (hrsg. von Gudrun Brokoph-Mauch), S. 137-151.

» Marie-Louise Roth: „Robert Musil als Aphoristiker“, in: Beiträge zur Musilkritik (hrsg. von Gudrun Brokoph-Mauch), S. 289-320.

» Marie-Louise Roth: „Robert Musil und das Aphoristische ohne Aphorismus“, S. 441-454.