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Mit allen Sinnen sperrweit offen

Beitrag 13: Helmut Arntzen über Georg Christoph Lichtenberg

Die Gesichter der gemeinen Leute auf einer Strase anzusehen ist jederzeit eines meiner grösten Vergnügen gewesen. Keine Zauberlaterne komt diesem Schauspiel bey.

...wo das Auge undeutlich sieht ist schon eine Art von Tod, wo kein deutliches Bild ist, ist keine Vorstellung.

Die Menschen ziehen gar zu gern allgemeine Sätze aus ein paar Erfahrungen.

Am Ende ist genöthigt, alles, was uns unsere Väter gelehrt haben, von neuem zu prüfen.

An seinen Freund, den Verleger und Buchhändler Dieterich, schreibt Lichtenberg, als er 1770 zum ersten Male England besucht:

...ich dencke überhaupt, wenn man nicht lange hier bleiben kan, wie ich, so ist besser zu gucken, als zu schreiben| 1 |.

Der Entschluss, das Sehen über das Schreiben zu stellen, beruht auf dem Wissen, nicht lange bleiben zu können. In dem Hinweis auf den kurzen Aufenthalt in England kann man die Andeutung eines für Lichtenberg Grundsätzlicheren sehen. Schon früh geht er mit dem Gedanken an den Tod, an den Selbstmord um, früh schon ist er vertraut mit dem Gedanken an sein Altern| 2 |. Wer er immer fühlt, dass er wenig Zeit hat, will er viel sehen.

Ich laufe und renne den gantzen Tag, mit allen Sinnen sperrweit offen| 3 |,

schreibt er an Dieterich, als er 1775 zum zweiten Male in England ist. Und:

Ich sehe und höre so viel, daß ich 10 Jahre daran zu verdauen haben werde.| 4 |

London bietet dem Beobachter ungemein viel, doch geht es ihm nicht um die Quantität der Eindrücke. Die sind ihm vielmehr als Gegenstände wichtig, die noch verarbeitet werden müssen: Das Gesehene wird durch Reflexion in Beobachtung umgesetzt. Ob in den Straßen Londons, ob am Fenster der Göttinger Wohnung oder auf der Professorenpromenade, der beobachterische Blick ist vor allem und immer neu auf die Menschen gerichtet.

Die Gesichter der gemeinen Leute auf einer Strase anzusehen ist jederzeit eines meiner grösten Vergnügen gewesen. Keine Zauberlaterne komt diesem Schauspiel bey.| 5 |

Der Hinweis auf Kirchners Laterna magica und die Erinnerung, dass sie für das 17. und 18. Jahrhundert noch mehr bedeutet als ein simples optisches Gerät, worauf der Name auch nachdrücklich aufmerksam macht, lassen den Wert ahnen, den für Lichtenberg das Schauspiel aufgrund eigener Beobachtung hat. Gerade weil es allein auf Anschauung der Realität beruht, weil seine Bilder nicht Fiktionen sind, hat es diesen Wert. Beobachtungen macht freilich nur der, der den Eindruck zur Einsicht zu steigern vermag, der „Beobachtungsgeist“ besitzt. Wo dieser fehlt,

wo das Auge undeutlich sieht ist schon eine Art von Tod, wo kein deutliches Bild ist, ist keine Vorstellung| 6 |.

Diese Bemerkung von 1777 lässt sowohl den geistesgeschichtlichen Ort Lichtenbergs erkennen als auch – was uns hier wichtiger ist – den Zusammenhang von Beobachtung, Bild und Erkenntnis in Lichtenbergs Denken und Schreiben. Geistesgeschichtlich ist Lichtenbergs Position durch die Nähe zum englischen Empirismus und durch die Emanzipation von der rationalistischen Erkenntnistheorie des Kontinents bestimmt, doch der genannte Zusammenhang ist nicht allein von dieser Position aus zu verstehen. Dass Lichtenberg nicht vom Begriff der Anschauung spricht, sondern konkret vom Auge, von der persönlichen Fähigkeit und Unfähigkeit zu sehen, und dass er die Unfähigkeit dazu gar „eine Art von Tod“ nennt, deutet an, dass Beobachtung ihm nicht vor allem Element wissenschaftlicher Erkenntnis ist, sondern Ausdruck und Leistung der Person. Darum führt sie bei Lichtenberg auch nicht zu systematisierter Erfahrungs- erkenntnis, sondern zur Erkenntnis der Bemerkung, des Aphorismus.
Nun ist Lichtenberg dem Berufe nach Experimentalphysiker, der geistesgeschichtlichen Stellung nach aufklärerischer Moralist. Für jenen wäre der wissenschaftliche Aphorismus Bacons, der die „traditio per aphorismos“ so entschieden gegenüber der „traditio methodica“ verteidigt hatte, eine naheliegende Darstellungsform gewesen, für diesen hätten die Maximen der französischen Moralisten vorbildlich sein können. Bacon wie La Rochefoucauld hat Lichtenberg gut gekannt. Dennoch sind seine eigenen Bemerkungen nicht einfach als die Fortführung der einen oder der anderen Form des Aphorismus zu verstehen, weil es Lichtenberg weder um die Gewinnung von wissenschaftlichen Daten aufgrund der Beobachtung noch um Maximen zur Lebensweisheit ging.| 7 | Ist aber die Eigentümlichkeit der Lichtenbergischen Bemerkungen nicht nur das bedeutende Moment im Versagen eines Schriftstellers, der größere Formen anstrebte, doch ihrer nicht mächtig war? Das ist manchmal behauptet worden, besonders nachdrücklich noch kürzlich in der Arbeit von Rippmann| 8 |. Nur kann mit Hilfe dieser Auffassung das Spezifische der Aphorismen nicht erkannt und bestimmt, sondern allenfalls die Bedingung ihres Entstehens beschrieben werden.
Wenn wir davon ausgehen, dass Lichtenberg weder die Tradition des empirisch-wissenschaftlichen Aphorismus noch die der literarisch-moralischen Maxime fortsetzt, die Bemerkungen aber zu einem großen Teil bedeutende Ausformungen des Aphorismus als Literaturform eigener Art sind; wenn schließlich für Lichtenberg ‚Beobachtung’ als Ausdruck und Leistung der Person eine zentrale Kategorie ist, dann ist, um dem Eigentümlichen der Bemerkungen auf die Spur zu kommen, zu fragen, wie sich Beobachtung in den Bemerkungen vermittelt und was sie in ihnen bedeutet.
Es gibt sehr einfache Beispiele: „Zu Dorlar, einem Dorf an der Lahn, haben fast alle Leute rote Haare.“| 9 | Oder: „Ich habe einmal in Stade eine Ruhe mit einem heimlichen lächeln in dem Gesicht eines Kerls erblickt, der seine Schweine glücklich in eine Schwemme gebracht hatte worein sie sonst unter giengen, desgleichen ich nachher nie wieder gesehen habe.“| 10 | Beide Bemerkungen teilen kaum mehr als das Beobachtete mit. Doch gerade die schlichte Mitteilung ist irritierend. Die erste Bemerkung, die der Anfang eines wissenschaftlichen Aphorismus sein könnte, stellt dahin, ob die Beobachtung zur Grundlage einer Hypothese werden oder ob sie nur eine Kuriosität festhalten soll. Die zweite widerruft das, was als Ausgangsmoment einer Maxime gesehen werden könnte, indem sie die Beobachtung deutlich isoliert. Denn außer der Beobachtung wird mitgeteilt, dass es sich um eine einmalige, einzige Erfahrung gehandelt habe. Das Beobachtete als Besonderes festzuhalten, es für sich sprechen zu lassen, das kennzeichnet schon die Bemerkung als schlichte Notiz bei Lichtenberg. Dagegen benützt der wissenschaftliche Empiriker im Sinne Bacons die Beobachtung, um aus ihr Schlüsse ziehen zu können. Dagegen benutzen die moralistischen Aphoristiker – Gracián, La Rochefoucauld, Chamfort, Vauvenargues – den bildhaften Vergleich zur Veranschaulichung, zur Verdeutlichung, ja auch zur Herstellung der Maxime, die auf ein Allgemeines tendiert. La Rochefoucauld formuliert (Maximes 171): „Les vertus se perdent dans l'intérêt comme les fleuves se perdent dans la mer.“ [dt.: „Die Tugenden verlieren sich im Eigennutz wie die Flüsse im Meer.“] Das Bild des Vergleichs macht die Relation zwischen Tugenden und Eigennutz erst sichtbar, aber es dient auch allein dazu. Bei Lichtenberg ist es eher umgekehrt.

Ich bemerckte würcklich auf seinem Gesicht den Nebel, der allezeit während des Wonnegefühls aufzusteigen pflegt das man hat, wenn man sich über andere erhaben zu seyn glaubt.| 11 |

Nicht um den Hochmut oder den Hochmütigen mit Hilfe einer Metapher zu charakterisieren, wird vom Nebel auf einem Gesicht gesprochen, vielmehr sieht genaue Beobachtung „würcklich“ einen Nebel und bemerkt dann den Zusammenhang zwischen dieser Erscheinung und diesem Gefühl, und zwar einen realen Zusammenhang. Das Anschauliche bei Lichtenberg dient nicht einem außerhalb seiner liegenden Zweck, sondern ist insofern Selbstzweck, als das Beobachtete nie ein bloßes Sinnesdatum bleibt, dem erst eine Bedeutung zu geben wäre, sondern selbst ein bedeutendes Bild ist.
Wie aber lässt sich das Bild als bedeutende Beobachtung von der willkürlichen Fiktion unterscheiden? Und wie kann die Beobachtung vor einer willkürlichen Stilisierung geschützt werden? Lichtenberg weiß:

Die Menschen machen sich Bilder von allem...| 12 |

Und 1780 schreibt er an den Freund Schernhagen:

Die Menschen ziehen gar zu gern allgemeine Sätze aus ein paar Erfahrungen.| 13 |

Bilder sich zu machen ist so wenig schon eine individuelle Leistung wie die Abstraktion aus ein paar Erfahrungen und Beobachtungen eine allgemeine Erkenntnis liefert. Die Bilder können vielmehr Fiktionen, die allgemeinen Sätze können leer sein, und darum postuliert der eben zitierte Brief:

Am Ende ist genöthigt, alles, was uns unsere Väter gelehrt haben, von neuem zu prüfen.| 14 |

Prüfen bedeutet ein kritisches Verhältnis zu den fremden wie zu den eigenen Abstraktionen und Bildern; um prüfen zu können, muss man lernen, mit eigenen Augen zu sehen. Dieses Attribut bedeutet bei Lichtenberg sehr viel. So sagt er gegen die gelehrten Kompilatoren, die ja bis gegen das Ende des Jahrhunderts noch wesentlich die Universitätswissenschaft bestimmten:

Allein diese Leute müssen auch bedenken, daß gerade mit eigenen Augen in die Welt hineinsehen, auch ein Studium ist, wozu sie nicht aufgelegt sind.| 15 |

Dieses Studium ist für Lichtenberg geradezu das Grundstudium, denn nur das Sehen mit eigenen Augen führt zum richtigen Bild und zur deutlichen Vorstellung. Hier ist der Kern der Lichtenbergischen Reflexionen über Beobachtungen zu greifen: Nur ein Subjektives, das nie dogmatisch, immer kritisch ist, verbürgt Objektivität. So schreibt er nicht von ungefähr eine Abhandlung „Über einige wichtige Pflichten gegen die Augen“, denn diese Pflichten basieren auf Lichtenbergs kategorischem Imperativ, mit eigenen Augen, also selbständig zu sehen, um deutlich sehen, um dadurch erkennen zu können.

H. Arntzen, 18. April 2005

Anm.: Oben stehender Text ist ein Auszug aus dem Vortrag zum Thema: „Die exakte Subjektivität. Beobachtung, Metaphorik, Bildlichkeit bei Lichtenberg“ (21. Juni 1967 an der Freien Universität Berlin).
Veränderte Fassung, u.a. veröffentlicht in: Helmut Arntzen, Literatur im Zeitalter der Information. Aufsätze, Essays, Glossen. Frankfurt a. M.: Athenäum, 1971, S. 65-78. Der hier wiedergegebene Ausschnitt wurde diesem Buch entnommen (S. 65-68).

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  | 1 | Georg Christoph Lichtenberg: Briefe, hrsg. von Albert Leitzmann und Carl Schüddekopf, Band 1. Leipzig: Dieterich, 1901, S. 12.

  | 2 | So z.B. Wilhelm Grenzmann: Georg Christoph Lichtenberg. Salzburg/Leipzig: Pustet, 1939, S. 84ff.;
Paul Requadt: Lichtenberg, 2. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer, 1964, S. 28f.;
Joseph Peter Stern: Lichtenberg. A Doctrine of Scattered Occasions. Reconstructed from his Aphorisms and Reflections. Bloomington: Indiana University Press, 1959, S. 8f., übersetzt als „Eine literarische Definition des Aphorismus“, in: Gerhard Neumann (Hrsg.): Der Aphorismus. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1976, S. 226-279.

  | 3 | Georg Christoph Lichtenberg: Briefe, a.a.O., S. 219.

  | 4 | A.a.O., S. 219.

  | 5 | RA 2. Denn: „Die unterhaltsamste Fläche auf der Erde für uns ist die vom menschlichen Gesicht.“ (F 87) Die Bemerkungen werden, soweit möglich, zitiert nach der Ausgabe Georg Christoph Lichtenberg: Aphorismen, hrsg. von A. Leitzmann. Berlin: Behr, 1902-1908 (Deutsche Literaturdenkmale des 18. u. 19. Jahrhunderts, Nr. 123, 131, 136, 140, 141.)

  | 6 | F 577.

  | 7 | Dabei ist es selbstverständlich, dass Lichtenberg in bestimmten Traditionen steht, unter denen die des wissenschaftlichen Empirismus Bacons besonders wichtig ist. Doch ist es jene „synthesis of both modes of thought“, i.e. die wissenschaftliche und die künstlerische (von denen Joseph Peter Stern [a.a.O., S. 101] spricht), die das Lichtenbergische ausmacht.

  | 8 | Peter Rippmann: Werk und Fragment. Georg Christoph Lichtenberg als Schriftsteller. Bern: Francke, 1953.

  | 9 | C 29.

| 10 | C 298.

| 11 | C 337.

| 12 | E 387.

| 13 | Georg Christoph Lichtenberg: Briefe. a.a.O., S. 357.

| 14 | Ebd.

| 15 | Georg Christoph Lichtenberg: Literärische Bemerkungen, in: G. Ch. L.: Vermischte Schiften, Band 1. Göttingen 1844, S. 276.

Über Lichtenberg

» Biobibliographie.

» Friedemann Spicker: „Vom
,Sudelbuch’ zum ,Aphorismus’. Lichtenberg und die Geschichte des Gattungsbegriffs“, in: W. Promies und U. Joost (Hrsg.): Lichtenberg-Jahrbuch 1997 u. 1998.

» Wolfgang Müller-Funk: „Der Leib des Schriftstellers – die Seele des Lesers“.

» Gert Sautermeister: Georg Christoph Lichtenberg.

» Helmut Arntzen: „Philosophie als Literatur. Kurze Prosa von Lichtenberg bis Bloch“, in: Ebd.: Zur Sprache kommen. S. 314-327.

» Gerhard Neumann: Ideenpara- diese. Untersuchungen zur Aphoristik von Lichtenberg, Novalis, Friedrich Schlegel und Goethe.

» Heinz Gockel: Lichtenbergs Bemerkungen im Zusammen- hang von Erkenntnistheorie und Sprachkritik.

» Helmut Arntzen: „Aphorismus und Sprache. Lichtenberg und Karl Kraus“, in: Ebd.: Literatur im Zeitalter der Information. Aufsätze, Essays, Glossen. S. 323-338.