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Die Gefahr des Wortes ist die Lust des Gedankens

Beitrag 11: Helmut Arntzen über Karl Kraus

Ein Aphorismus braucht nicht wahr zu sein, aber er soll die Wahrheit überflügeln. Er muß mit einem Satz über sie hinauskommen.

Es gibt Schriftsteller, die schon in zwanzig Seiten ausdrücken können, wozu ich manchmal sogar zwei Zeilen brauche.

Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten.

O markverzehrende Wonne der Spracherlebnisse! Die Gefahr des Wortes ist die Lust des Gedankens. Was bog dort um die Ecke? Noch nicht ersehen und schon geliebt! Ich stürze mich in dieses Abenteuer.

Das Verhältnis von Kraus zur Sprache ist nur richtig zu beschreiben, wenn man sieht, dass es von einer doppelten Erfahrung bestimmt ist: von der Erfahrung der Sprache in der Zeitung als von der schlechtesten und von der der Sprache in der Dichtung als von der besten Möglichkeit der Sprache. Beide Erfahrungen sind für sein Schreiben zentral gewesen, weil sich für Kraus in ihnen das Unwahre und das Wahre konkret darstellten. Das Unwahre erscheint als Phrase der Zeitung, d. h. als Wort, das allein Material eines industriellen und kapitalistischen Produktionsprozesses ist und darum nur so viel Wert hat, als es verkäufliche Ware ist. „Die Phrase“, schreibt Walter Benjamin in seinem großen Kraus-Aufsatz richtig, „in dem von Kraus so unablässig verfolgten Sinne ist das Warenzeichen, das den Gedanken verkehrsfähig macht, so wie die Floskel, das Ornament, ihm den Liebhaberwert verleiht“| 1 |. Im Journalisten als dem Phraseur katexochen überlebt das Rhetorische als Ornamentales (der Gegensatz zu Aphorismenkürze und simplen Stil), gegen das schon Lichtenbergs Sprachkritik sich gestellt hat.

Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten.| 2 |

Der Journalist ist darum auf das Attributive als das potentiell Ornamentale der Sprache abonniert und noch das Selbstverständlichste kann im Aphorismus, ins Bild transponiert, gegen ihn zeugen:

Das Hauptwort ist der Kopf, das Zeitwort ist der Fuß, das Beiwort sind die Hände. Die Journalisten schreiben mit den Händen.| 3 |

Die Phrase ist das Negativ des Gedankens, der nicht vor oder außerhalb der Sprache ist, sondern immer schon in ihr, denn Sprache ist Denken.
Dichtung als das konkrete Wahre hat allein als Gedanke, der ganz und allein Wort ist, wahres Wort gegen Phrase, Anrecht auf ihre hervorragende Stellung, nicht als Wortklang, auch nicht als klassisches Werk, sondern allenfalls als Satz- und Textstruktur. Das besondere Gewicht des Aphorismus als kurzer Rede im Schreiben von Karl Kraus wird schon von hier aus verständlich. Das wahre Wort verzichtet im Unterschied zur Phrase auf alles Ornament. Das Verfahren von Kraus, gerade wichtige Reden, Aufsätze und Glossen gewissermaßen in Aphorismen zu zerlegen, entsprang nicht dem Bedürfnis, Pointen herauszustellen, sondern in der Kürze des Aphorismus den Kern der Rede darzustellen:

Es gibt Schriftsteller, die schon in zwanzig Seiten ausdrücken können, wozu ich manchmal sogar zwei Zeilen brauche.| 4 |

Kürze deutet auf einen Arbeitsvorgang, auf Konzentration, aber sie ist gleichzeitig Ausdruck einer moralischen Leistung ganz im Sinne der Bemerkung aus dem Vorwort zu der Ausgabe von Sprüche und Widersprüche von 1924: Die Revision eines Buchtextes sei Prüfung „vor dem Gewissen, das die künstlerische Form bestimmt und dem Wort immer knapper zumißt“| 5 |. Doch ist das Verhältnis von Wahrheit und Aphorismus, von wahrem und kurzem Wort schwieriger als eine erste Erklärung es sieht. Denn es heißt:

Der Aphorismus deckt sich nie mit der Wahrheit; er ist entweder eine halbe Wahrheit oder anderthalb.| 6 |

Oder:

Ein Aphorismus braucht nicht wahr zu sein, aber er soll die Wahrheit überflügeln. Er muß mit einem Satz über sie hinauskommen.| 7 |

Dies sind keine spielerischen Paradoxe in der Art Oscar Wildes, sondern Hinweise auf ein Spannungsverhältnis von wahrem Wort (als Aphorismus) und Wahrheit. Die Wahrheit wird nicht durch die Sprache fixiert, so dass sie verfügbar ist, sie ist nicht auf den Begriff zu bringen, zu definieren. Nur wo die höchste Möglichkeit und Aufgabe der Sprache in der begrifflichen Definition gesehen wird, sollen sich Rede und Wahrheit decken. Aber der Aphorismus hat kein philosophisches Verhältnis zur Wahrheit, sondern ein sprachliches, d. h. er formuliert sie nicht, sondern er weist auf sie hin, er bedeutet sie. Und dieses Verhältnis stellt sich als Leistung her, wie es der Schlusssatz des zweiten Aphorismus beschreibt: „Er muß mit einem Satz über sie hinauskommen.“ Der Sprechakt ist in einem der Sprung, der die Wahrheit überflügelt. Aber gerade dieses Sprachbild wie der Satz, der Aphorismus sei „entweder eine halbe Wahrheit oder anderthalb“ lassen an der notwendigen Beziehung zwischen Wort und Wahrheit keinen Zweifel. Sie wird unter der Doppelfigur von Sprache (oder Wort) und Gedanke immer aufs Neue zitiert, wobei jeder der Aphorismen, die um diese Doppelfigur kreisen, Exempel für die Spracharbeit ist, über deren gefährlichen wie lustvollen Charakter zu lesen ist:

O markverzehrende Wonne der Spracherlebnisse! Die Gefahr des Wortes ist die Lust des Gedankens. Was bog dort um die Ecke? Noch nicht ersehen und schon geliebt! Ich stürze mich in dieses Abenteuer.| 8 |

Arbeit an und mit der Sprache als gefährliches und lustvolles Abenteuer ist Sache des Künstlers. Nie erscheint dieses Wort anders bei Kraus als in dieser Beziehung, alles Bohèmehafte, alles vital Unmittelbare, aber auch alles Preziöse, um auf einige Künstlerauffassungen seiner Zeit anzuspielen, ist bei Kraus aus dem Umkreis des Schreibens verbannt.

Der Gedanke ist in der Welt, aber man hat ihn nicht. Er ist durch das Prisma stofflichen Erlebens in Sprachelemente zerstreut: der Künstler schließt sie zum Gedanken.| 9 |

Ein solcher Aphorismus ist eine aesthetica philolociga in nuce. Sie sagt dreierlei: einmal, dass sie den willkürlich eine neue Welt schaffenden, den romantischen Künstler nicht mehr kennt; zweitens, dass, so gut Sprache Denken ist, der Gedanke seiner Einheit in der Erfahrungswelt verlustig geht, was freilich irgendeinen kruden Dualismus von Geist und Stoff schon darum nicht mehr meint, weil die Erfahrungswelt prismatisch wirkt, also die Vielfalt der Implikationen des einen Gedankens in seinen Sprachelementen gerade sichtbar macht; drittens: die Leistung des Künstlers ist es, den Gedanken aus den Sprachelementen wiederherzustellen und ihn durch seine Weise der Synthesis auch neu herzustellen, was den alten Gegensatz von Mimesis und Phantasie aufhebt. Es ist für Kraus' Sprachdenken als Spracharbeit, Sprachgestaltung zentral, Sprache und Sprecher als einander Bedingendes zu verstehen.

Die Sprache ist die Mutter, nicht die Magd des Gedankens.| 10 |

Dieser Aphorismus wird kurz darauf aufgenommen:

Die Sprache Mutter des Gedankens? Dieser kein Verdienst des Denkenden? O doch, er muß jene schwängern.| 11 |

Der Gedanke ist in der Welt, weil die Sprache immer schon in der Welt ist. An diesem Wissen wird jeder Versuch eines traditionslos neuen Sprechens zuschanden. Aber für Kraus bedeutet dies nicht Grund zur Resignation über die Gefangenheit des Denkens in der Sprachstruktur. Wann immer eine gewisse Nähe zwischen der modernen linguistischen Auffassung von der langue, der Sprache als einem Zeichensystem, und der Sprachauffassung von Kraus vermutet werden könnte (zumal über die Vermittlung Wittgensteins), die Worte der beiden zitierten Aphorismen machen diese Nähe zu einer gänzlich scheinhaften. Zwar wäre es reizvoll, die Sprache als „die Mutter des Gedankens“ mit mater oder matrix zu übersetzen: als Grundmuster, von dem jede Parole und jeder Sprechakt nur ein Abdruck ist. Doch das Wortpaar Mutter und Magd ließe bereits dieser Assoziation wenig Raum, vollends aber die Verbindung von Mutter und schwängern. Die setzt zunächst einmal den spontanen Akt des Sprechens in eine notwendige Beziehung zu dem, was mir als Sprache schon immer gegeben ist. Dieser Beziehung erkannten wir zentrale Bedeutung für Kraus zu, und von dem Verhältnis zwischen dem Allgemeinen der Sprache und dem Individuellen des Sprechens als einem notwendigen war ja auch bei Lichtenberg bereits die Rede.| 12 | Freilich nicht von dieser Beziehung als einer erotischen, als die sie Kraus nicht nur an dieser Stelle sieht. Doch wäre die Reflexion kurzsinnig, die aus diesem Bild nichts weiter gewönne als die gängige Vorstellung vom Organismus der Sprache. Sprachliebe ist bei Kraus alles andere als die Liebe zur Sprache, von der im Deutschunterricht geredet wird. Als über deren Abwesenheit in der Gegenwart ein beliebter und vergessener Autor einmal eine Klage anstimmte, bedachte sie Kraus mit einer entschiedenen Glosse. Sprachliebe meint nicht nur ein betuliches Umgehen mit der Sprache (aus welchem dann die gehobene Umgangssprache resultiert), sondern meint, dass man sich mit der Sprache einlasse, sie schwängere, eine Aktivität, in der Mühe und Lust eines sind. Für Kraus ist die Sprache weder Zeichensystem, dessen Funktionen restlos erklärt werden können und bei dem zwischen Sprache, Sprecher und Wirklichkeit ein fixiertes Verhältnis besteht, an das wir unabänderlich gebunden bleiben, noch ist sie ein magisch oder metaphysisch zu deutender Organismus, welches Verständnis das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit schließlich in einer falschen Identität auflöst, sie ist ihm die Gesamtheit der Sprechakte, die etwas bedeuten, etwas benennen, sie ist Namensgebung. Vom Namen sagt Walter Benjamin: „Der Name hat im Bereich der Sprache einzig diesen Sinn und diese unvergleichlich hohe Bedeutung: daß er das innerste Wesen der Sprache selbst ist.“| 13 | „Das sprachliche Wesen des Menschen [aber] ist [...], daß er die Dinge benennt.“| 14 | Diese Auffassung, die alte theologische Interpretationen aufnimmt und die in Kraus' Schreiben sich konkretisiert, wird von dem französischen Philosophen Paul Ricoeur in einer Auseinandersetzung mit dem Strukturalismus weitgehend geteilt, wenn er 1967 schreibt: „Für uns, die sprechen, ist die Sprache nicht ein Gegenstand, sondern eine Vermittlung; sie ist das, wodurch und vermittels dessen wir uns ausdrücken und die Dinge ausdrücken. Sprechen ist der Akt, durch den der Sprecher die Abgeschlossenheit des Universums der Zeichen übersteigt mit der Absicht, jemandem etwas über etwas zu sagen...“| 15 | Doch bestand für Kraus nicht einmal der (hier vor allem aus methodischen Gründen benutzte) Gegensatz von linguistischem System und Sprechakt, sondern jene Einheit von Sprache und Sprecher, die angemessen nur die kurze Rede des Aphorismus (und deren langer Sinn) sichtbar machen kann, weil sie sie immer aufs Neue stiftet. Wenn das aber gilt, werden längere Ausführungen wie diese zweifelhaft genug. Doch muss man sich bescheiden, denn nicht jedermann kann den Aphorismus des Karl Kraus beherzigen:

Einer, der Aphorismen schreiben kann, sollte sich nicht in Aufsätzen zersplittern.| 16 |

H. Arntzen, 2. März 2005

Anm.: Oben stehender Text ist ein Auszug aus einem Vortrag zum Thema: „Aphorismus und Sprache. Lichtenberg und Karl Kraus“ (5. August 1969 an der Universität Münster).
Erstveröffentlichung in: Helmut Arntzen, Literatur im Zeitalter der Information. Aufsätze, Essays, Glossen, Frankfurt a. M.: Athenäum, 1971, S. 323-338. Der hier wiedergegebene Ausschnitt wurde diesem Buch entnommen (S. 334-338).

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  | 1 | Walter Benjamin: „Karl Kraus“, in: Walter Benjamin, Schriften, Band 2, hrsg. von Th. W. und G. Adorno. Frankfurt a. M. 1955, S. 162.

  | 2 | Zitiert werden die Aphorismen von Karl Kraus nach der Ausgabe: Karl Kraus, Beim Wort genommen. München 1965. (Werke, hrsg. von H. Fischer, Band 3), S. 212.

  | 3 | Ebd., S. 329.

  | 4 | Ebd., S. 116.

  | 5 | Ebd., S. 464.

  | 6 | Ebd., S. 161.

  | 7 | Ebd., S. 117.

  | 8 | Ebd., S. 135.

  | 9 | Ebd., S. 236.

| 10 | Ebd., S. 235.

| 11 | Ebd., S. 238.

| 12 | Der hier online veröffentlichte Text gibt nur das letzte Viertel eines Vortrages über Kraus und Lichtenberg wieder. Siehe Anmerkung unter dem Datum.

| 13 | Walter Benjamin: „ Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“, in: Walter Benjamin, Schriften, Band 2, hrsg. von Th. W. und G. Adorno. a.a.O., S. 405.

| 14 | Ebd., S. 404.

| 15 | Paul Ricoeur: „Die Struktur, das Wort, das Ereignis“, in: Günther Schiwy: Der französische Strukturalismus. Mode, Methode, Ideologie. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt, 1969, S. 215. (Rowohlts Deutsche Enzyklopädie, Band 310/311.)

| 16 | K. K.: Beim Wort genommen, S. 238.

Über Karl Kraus

» Sigurd Paul Scheichl: „Polonia est omnis divisa in partes tres.“ Über einen Aphorismus von Karl Kraus.

» Werner Welzig (Hrsg.): Wörterbuch der Redensarten zu der von Karl Kraus 1899 bis 1936 herausgegebenen Zeitschrift „Die Fackel“.

» Friedemann Spicker: „Der Aphorismus in Österreich nach der Jahrhundertwende: Karl Kraus“, in: Friedemann Spicker: Der Aphorismus. Begriff und Gattung von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1912, S. 278-296.

» Gerwin Marahrens: „Über die sprachliche Struktur und Genesis der Aphorismen von Karl Kraus“, in: Karl Kraus. Diener der Sprache, Meister des Ethos (hrsg. von Joseph P. Strelka), S. 49-86.

» Stefan H. Kaszynski: „Überlegungen zur Poetik der Aphorismen von Karl Kraus“, in: Karl Kraus – Ästhetik und Kritik (hrsg. von Stefan H. Kaszynski und Sigurd Paul Scheichl), S. 129-139.

» William M. Johnston: „Karl Kraus und die Wiener Schule der Aphoristiker.“

» Harald Fricke: „Karl Kraus. Virtuose des Hasses“, in: Harald Fricke: Aphorismus, S. 125-132.

» Wolfgang Mieder: „Karl Kraus und der sprichwörtliche Aphorismus.“