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Wer Selbstbekenntnisse schreibt, lügt

Beitrag 10: Karl Alfred Blüher über Paul Valéry

Jede Metaphysik beruht auf einem mangelhaften Sprachgebrauch.

Variationen über Descartes. Manchmal denke ich; und manchmal bin ich.

Wenn das Ich hassenswert ist, dann wird den Nächsten zu lieben wie sich selber zur schrecklichen Ironie.

Die Herzen unserer Freunde sind häufig weniger durchschaubar als die Herzen unserer Feinde.

Wer Selbstbekenntnisse schreibt, lügt und weicht der eigentlichen Wahrheit aus, die nichtig oder gestaltlos ist, und im Allgemeinen unbestimmbar bleibt. Geständnisse aber sind immer auf Ruhm bedacht, auf Skandal, auf Rechtfertigung, auf Werbung.

Als sein eigentliches Hauptwerk sah Valéry nicht die von ihm selbst zu Lebzeiten veröffentlichten Dichtungen und Schriften an, sondern seine Cahiers, ein monumentales Œuvre, das nicht weniger als 258 Hefte mit mehr als 27000 Seiten umfasst, in die er von 1894 bis zu seinem Tode tagtäglich seine Gedanken eingetragen hatte. Eine Faksimile-Edition in 29 Bänden, die einzige bisher publizierte – nahezu – vollständige Ausgabe, wurde 1957-1961 veröffentlicht; eine etwa ein Zehntel der Texte umfassende repräsentative Auswahl erschien 1973-1974 (Bibliothèque de la Pléiade). Seit 1987 ist eine kritische Gesamtausgabe im Erscheinen begriffen, von der inzwischen lediglich neun Bände vorliegen, die Valérys Aufzeichnungen der Jahre 1894-1909 enthalten. Den in diesen Cahiers enthaltenen Gedanken ist es zu verdanken, dass Valéry heute als einer der bedeutendsten Aphoristiker des 20. Jahrhunderts gilt.
Inhaltlich betrachtet, setzen sich die Cahiers aus einer fast unübersehbaren Fülle unsystematisch aufgezeichneter Beobachtungen und Gedanken zusammen, die, wie bei Montaigne, auf der Analyse des eigenen Ich fußend, sich aus der Sicht eines kritisch fragenden, am wissenschaftlich-strengen Denken orientierten Moralisten mit den unterschiedlichsten Problemen befassen, mit solchen der Wissenschaft, Philosophie, Psychologie, Anthropologie, Religion, und Politik, aber auch mit solchen der Sprache, der Dichtungstheorie und der Kunst. Formal gesehen, enthalten die Cahiers diskontinuierlich aneinander gereihte Eintragungen, ähnlich wie die Quaderni von Leonardo da Vinci, die Pensées von Pascal, die Sudelbücher von Lichtenberg oder der Zibaldone von Leopardi, die teils den Charakter von spontan notierten, literarisch anspruchslosen, oder betont wissenschaftlich neutral formulierten „Gedanken im Rohzustand“| 1 | haben, teils den von ausdrucksstarken, kunstvoll und subtil komponierten Aphorismen oder Maximen. Valéry hat ab 1924 zahlreiche Auszüge aus diesen aphoristischen Texten: Cahier B (1924), Windstriche (Rhumbs, 1926), Analecta (1926), Weitere Windstriche (Autres Rhumbs, 1927), Littérature (1929), Verschwiegenes (Choses tues, 1930), Moralités (1930) und Suite (1930) – wieder aufgenommen in den beiden Bänden Tel Quel I und II (1941-1943) –, sowie Mélange (1939/ 41), Schlimme Gedanken und andere (Mauvaises pensées, 1941) und Propos me concernant (1944). Diese Aphorismenbände bieten einen guten, jedoch insgesamt unvollständigen Einblick in Valérys Aphoristik. Auch die in der Pléiade publizierte Auswahl von Cahiers-Texten (und die hierauf basierende deutsche Ausgabe) vermittelt keinen umfassenden Eindruck vom außerordentlichen Reichtum des aphoristischen Schaffens Valérys.
Die Aphoristik Valérys stellt sich als die wirkungsvoll inszenierte Sprachkunst eines freigeistigen, unabhängigen Denkers dar, der alle Mittel rhetorischer und artistischer Finesse einsetzt, um eine gedankliche Problematik in Szene zu setzen. Das Spektrum der aphoristischen Formen ist weit gespannt und reicht von konzisen, scharf pointierten Maximen im Stil La Rochefoucaulds bis zu – zuweilen betitelten – längeren, analysierend und argumentativ vorgehenden Aphorismen nach Art der Aphorismen von Lichtenberg und Nietzsche. Da es hier an Platz fehlt, alle diese vielfältigen aphoristischen Schreibweisen Valérys mit Beispielen zu belegen, beschränken wir uns auf einige besonders bekannte, prägnant und lapidar formulierte Aphorismen.
Inhaltlich betrachtet, bildet das Zentrum von Valérys Denkansatz eine vom wissenschaftlichen Ideal exakter Beobachtung beherrschte Selbsterforschung des eigenen Ich, insbesondere der mentalen Bewusstseinsprozesse, zu der er eine große Anzahl fragmentarischer Hypothesen notierte. Valéry vergaß allerdings nicht, hierzu zu bemerken: „Der Mensch ist absurd durch das, was er sucht, und groß durch das, was er findet.“| 2 | In seiner aphoristischen Denkweise äußerte sich eine radikale, subversive Skepsis, die alles Definitive in Fragen zu stellen sucht und die hierbei namentlich gegen das anmaßende Systemdenken der Philosophen gerichtet ist. „Ein System ist Stillstand“| 3 |, betonte Valéry und erläuterte hierzu: „Dass alle Systeme mit Lügen enden, darüber besteht kein Zweifel. Das Gegenteil wäre unmöglich und nicht natürlich.“| 4 | Im Übrigen war es seine feste Überzeugung: „Das Wirkliche lässt sich auf unendlich verschiedene Weise deuten.“| 5 | Seine antiphilosophische Skepsis beruhte letztlich auf einer dekonstruktiven Sprachkritik, wie sie etwa in den Aphorismen „Unsere Philosophie und alles Übrige sind nur ein besonderer Sprachgebrauch“| 6 | und „Jede Metaphysik beruht auf einem mangelhaften Sprachgebrauch“| 7 | deutlich zum Ausdruck kommt, Äußerungen, die an Lichtenbergs berühmte Worte „Unsere ganze Philosophie ist Berichtigung des Sprachgebrauchs“| 8 | erinnern. Für Valéry stand eindeutig fest: „Jede Philosophie ist eine Sache der Form.“| 9 |
Valéry hat sich sehr häufig zu Grundfragen des menschlichen Daseins geäußert. Sein nachdenklicher Aphorismus „Alles ruht auf mir, und ich selbst hänge an einem Faden. Dieser alte antithetische Gedanke schöpft vielleicht seine verblüffende Kraft, seine suspekte ,Erhabenheit’ – aus seiner tatsächlich bestehenden Inkohärenz“| 10 |, ist offensichtlich durch Pascals scharfsinniges Paradox vom „Roseau pensant“ („Denkenden Schilfrohr“) angeregt worden, das den unauflösbaren Widerspruch zwischen dem geistigen und körperlichen Ich mit den bedenkenswerten Worten beschrieben hatte: „Durch den Raum umfasst mich das Weltall und verschlingt mich wie einen Punkt, durch das Denken umfasse ich es.“| 11 | Descartes „Cogito ergo sum“ fand in Valérys Denken nur ein skeptisch-ironisches Echo: „Variationen über Descartes. Manchmal denke ich; und manchmal bin ich.“| 12 |
In den Fragmenten zu seiner psychologischen Ich-Analyse brach Valéry, Nietzsche folgend, die Substanz-Einheit des herkömmlichen Ich-Begriffs auf, so wenn er etwa schrieb: „Manch einer versteht nicht, dass man mehrere ist. Doch ich denke, dass mehrere zu sein das Wesen des Menschen ist.“| 13 | Er vermutete sogar: „Das ,Ich’ ist vielleicht eine ebenso inhaltsleere Notierung wie das Verb ,sein’ – beide umso bequemer zu gebrauchen desto inhaltsleerer sie sind.“| 14 | In Abwandlung des berühmten Worts von Thiers „Der König herrscht nicht, er regiert“| 15 | bemerkte er: „Das Bewusstsein herrscht, regiert aber nicht.“| 16 | Er betonte im Übrigen, wie schon Nietzsche, die Abhängigkeit jeder Geistestätigkeit vom Nervensystem und vom Körper: „Das Schiff“ Geist „schwebt und schwankt auf dem Ozean“ Körper.| 17 | Im entlarvenden Stil der klassischen Moralisten hat Valéry natürlich auch viele Fragen der Moral behandelt. Maliziöse Repliken auf das berühmte Wort des Jansenisten Pascal vom „hassenswerten Ich“| 18 | bieten die Aphorismen „Wenn das Ich hassenswert ist, dann wird den Nächsten zu lieben wie sich selber zur schrecklichen Ironie“| 19 | und „Das Ich ist hassenswert..., doch es handelt sich um das der Anderen.“| 20 | Wieder andere demaskierende Aphorismen lauten: „Die Herzen unserer Freunde sind häufig weniger durchschaubar als die Herzen unserer Feinde“| 21 | und: „Die Menschen unterscheiden sich durch das, was sie zeigen, und ähneln sich durch das, was sie verbergen.“| 22 | Zur Politik bemerkte er desillusioniert: „Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht“| 23 |, zur Geschichte: „Wir gehen rückwärts in die Zukunft.“| 24 | zu den Naturwissenschaften: „Die Wissenschaft ist die Gesamtheit aller Rezepte und Verfahren, die immer gelingen.“| 25 |
Beschließen wir unsere kurzen Überblick mit drei Aphorismen, die Valérys Auffassung vom literarischen und poetischen Schaffen kritisch und provokatorisch beleuchten: Valéry verabscheute die öffentliche Selbstdarstellung autobiographischer Intimitäten: „Wer Selbstbekenntnisse schreibt, lügt und weicht der eigentlichen Wahrheit aus, die nichtig oder gestaltlos ist, und im Allgemeinen unbestimmbar bleibt. Geständnisse aber sind immer auf Ruhm bedacht, auf Skandal, auf Rechtfertigung, auf Werbung.“| 26 | In seinen Augen setzt Originalität eine prüfende Aneignung von fremder Leistung voraus: „Nichts ist origineller, nichts ist eigener, als sich von den anderen zu nähren. Aber man muss sie verdauen. Der Löwe besteht aus verdautem Schaf.“| 27 | Und er warnte die Dichter davor, sich in ihrem Schaffen von Gefühlen beherrschen zu lassen: „Der Enthusiasmus ist kein geeigneter Seelenzustand für einen Schriftsteller.“| 28 |

K. A. Blüher, 28. Februar 2005

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  | 1 | „Idées à l'état brut“ (Cahier B 1910, in: Œuvres II, 571).

  | 2 | „L'homme est absurde par ce qu'il cherche; grand par ce qu'il trouve“ (Œuvres, I, 862; Moralités, in: Œuvres II, 520).

  | 3 | „Un système est un arrêt“ (Mauvaises pensées et autres, in: Œuvres II, 787).

  | 4 | „Que tous les systèmes finissent par des mensonges, cela n'est pas douteux. Le contraire serait impossible, et non naturel“ (Ibid., 787).

  | 5 | „Ce qui est réel se prête à une infinité d'interprétations“ (Œuvres, I, 1133).

  | 6 | „La philosophie et le reste ne sont qu'un usage particulier des mots“ (Cahiers, éd. intégrale, III, 125).

  | 7 | „Toute métaphysique résulte d'un mauvais usage des mots“ (Ibid., IV, 325).

  | 8 | Sudelbücher, H 146.

  | 9 | „Toute philosophie est une affaire de forme“ (Œuvres, I, 1238).

| 10 | „Tout repose sur moi et je tiens à un fil. Cette vieille, antithétique idée tire peut-être son pouvoir stupéfiant, son ,sublime’ empoisonné – de son incohérence réelle“ (Cahier B 1910, in: Œuvres II, 583).

| 11 | „Par l'espace l'univers me comprend et m'engloutit comme un point; par la pensée, je le comprends“ (Pensées, 348).

| 12 | „Variations sur Descartes. Parfois je pense; et parfois, je suis“ (Choses tues, in: Œuvres II, 500).

| 13 | „Plus d'un ne comprend pas que l'on soit plusieurs. Mais je pense qu'être plusieurs c'est l'essence de l'homme“ (Cahiers, II, 1405).

| 14 | „Le ,Moi’ n’est peut-être qu’une notation commode aussi vide que le verbe ,être’ – tous les deux d'autant plus commodes qu'ils sont plus vides“ (Mélange, in: Œuvres I, 285).

| 15 | „Le roi ne gouverne pas, il règne.“

| 16 | „La conscience règne et ne gouverne pas“ (Mauvaises pensées et autres, in: Œuvres II, 813).

| 17 | „Le navire Esprit flotte et fluctue sur l'océan Corps“ (Cahiers I, 1134).

| 18 | „Le moi est haïssable“ (Pensées, 455).

| 19 | „Que si le moi est haïssable, aimer son prochain comme soi-même devient une atroce ironie“ (Choses tues, in: Œuvres II, 489).

| 20 | „Le moi est haïssable... mais il s'agit de celui des autres“ (Mélange, in: Œuvres I, 325).

| 21 | „Les cœurs de nos amis sont souvent plus impénétrables que les cœurs de nos ennemis“ (Ibid., 390).

| 22 | „Les hommes se distinguent par ce qu'ils montrent et se ressemblent par ce qu'ils cachent“ (Ibid., 346).

| 23 | „La politique est l'art d'empêcher les gens de se mêler de ce qui les regarde“ (Rhumbs, in: Œuvres II, 615).

| 24 | „Nous entrons dans l'avenir à reculons“ (Œuvres, I, 1040).

| 25 | „La Science est l'ensemble des recettes et procédés qui réussissent toujours“ (Œuvres I, 1253).

| 26 | „Qui se confesse ment, et fuit le véritable vrai, lequel est nul, ou informe, et, en général, indistinct. Mais la confidence toujours songe à la gloire, au scandale, à l'excuse, à la propagande“ (Œuvres I, 571).

| 27 | „Rien de plus original, rien de plus soi que de se nourrir des autres. Mais il faut les digérer. Le lion est fait de mouton assimilé“ (Choses tues, in: Œuvres II, 478).

| 28 | „L'enthousiasme n'est pas un état d'âme d'écrivain“ (Œuvres I, 1205).

Über Paul Valéry

» Karl Alfred Blüher: Le discours moraliste de Paul Valéry, in: Mélanges Simon Lantieri (hrsg. von Pierre Thibaud).

» Karl Alfred Blüher: Zum Diskurs der Moralistik: Paul Valéry, in: Paul Valéry, Philosophie der Politik, Wissenschaft und Kultur (hrsg. von Jürgen Schmidt-Radefeldt), S. 69-90.

» Ralph-Rainer Wuthenow: Paul Valéry zur Einführung.

» Nicole Celeyrette: L'écriture brève.

» Werner Helmich: Der moderne französische Aphorismus.

» Jean Levaillant: Inachèvement, invention, écriture.

» Pierre Bourjea: La comminution valéryenne.

» Jean-Louis Galay, Problèmes de l'œuvre fragmen tale.

» Fritz Schalk: Über die Aphorismen Paul Valérys, in: Paul Valéry (hrsg von Jürgen Schmidt-Radefeldt).

» Theodor W. Adorno: Valérys Abweichungen, in: Noten zur Literatur II.