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Talentproben

Beitrag 9: Ulrich Horstmann über Oscar Wilde

I live in terror of not being missunderstood. Don't degrade me into the position of giving you useful information.
[dt.: Ich leide darunter, nicht missverstanden zu werden. Erniedrige mich nicht zu deinem Ratgeber.]

When critics disagree the artist is in accord with himself.
[dt.: Wenn sich die Kritiker streiten, ist der Künstler mit sich im Reinen.]

Twenty years of romance make a woman look like a ruin; but twenty years of marriage make her something like a public buildung.
[dt.: Zwanzig Jahre Liebschaften lassen eine Frau wie eine Ruine aussehen; aber zwanzig Jahre Ehe verwandeln sie in eine Art öffentliches Gebäude.]

Most people become bankrupt through having invested to heavily in the prose of life. To have ruined oneself over poetry is an honour.
[dt.: Die meisten Leute gehen bankrott, weil sie zu sehr in das prosaische Lebens investierten. Sich wegen der Poesie ruiniert zu haben, ist eine Ehre.]

When we have fully discovered the scientific laws that govern life, we shall realize that the one person who has more illusions than the dreamer is the man of action.
[dt.: Wenn wir die Naturgesetze, die unser Leben bestimmen, vollständig herausgefunden haben, werden wir bemerken, dass derjenige, der noch mehr Illusionen als der Träumer hat, der Handelnde ist.]

To test Reality we must see it on the tight-rope. When the Verities become acrobats we can judge them.
[dt.: Um die Wirklichkeit zu überprüfen, müssen wir sie uns auf einem Hochseil vorstellen. Wenn die Wahrheiten zu Akrobaten werden, können wir sie beurteilen.]

One is temted to define man as a rational animal who always loses his temper when he is called upon to act in accordance with the dictates of reason.
[dt.: Man ist versucht, den Menschen als ein vernunftbegabtes Tier zu definieren, das immer dann die Beherrschung verliert, wenn es dazu aufgerufen wird, in Übereinstimmung mit den Geboten der Vernunft zu leben.]

Nach eigenen Angaben investierte Wilde nur seine Talente in die Literatur, alles Genie aber ins Leben. Die existenziellen Selbstinszenierungen des Dandy und Ästhetizisten, seine so vielen Zeitgenossen unvergesslichen Auftritte in Auditorien und Bankettsälen, an Premierenabenden und vor den Schranken des Gerichtes verleihen diesem Bonmot den harten Kern einer Tatsachenfeststellung. Ob gefeiert, verfemt oder verfettet im späten Inkognito des Sebastian Melmoth (nach dem gleichnamigen Schauerroman seines Großonkels Maturin), Oscar Wilde hat filmreif gelebt. Die „Talentproben“, die er sich gleichwohl abverlangte – den Roman The Picture of Dorian Gray (1891), die Kunstmärchen in The Happy Prince (1888), programmatische Essays wie The Decay of Lying (1889) und vor allem die großen Gesellschaftskomödien von Lady Windermere's Fan (1893) bis zu The Importance of Being Earnest (1895) –, zeigen, dass dieser leidenschaftliche Poseur und Bürgerschreck aber auch zu Ausflügen in die Gefilde britischer Nationaltugenden, in diesem Fall des Understatements, fähig war. Isolierte Aphorismen finden sich bei Wilde als „Preface“ zum Dorian Gray sowie in den Zeitschriftenbeitägen A Few Maxims for the Instruction of the Over-Educated und Phrases and Philosophies for the Use of the Young (beide 1894). Doch gilt darüber hinaus: Wann und wo immer er Dialoge schrieb, waren sie aphoristisch pointiert und aufgeladen. Sicher konnte Wilde Originelles auch täuschend echt nachahmen, wenn die Geistesblitze ausblieben. Der hohe Haltbarkeitsgrad vieler „witticisms“ widerlegt jedoch den Vorwurf routinierter Effekthascherei und macht Wilde zu einem Großmeister dieser „Kleinform“.

U. Horstmann, 28. Februar 2005

Anm.: Oben stehender Text wurde dem Buch English Aphorisms, hrsg. und ausgew. von Ulrich Horstmann, Universal-Bibliothek Nr. 9296. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1993, S. 110-117 (Aphorismen) und S. 143f. (Biographische Angabe zu O. Wilde), entnommen. Übersetzungen: T. Grüterich
Mit freundlicher Genehmigung des Reclam Verlages ©1993 Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart.

Über Oscar Wilde

» Ulrich Horstmann: Nachwort zu Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray, S. 325-335.

» Ulrich Horstmann: „Der englische Aphorismus: Expeditionseinladung zu einer apokryphen Gattung“, in: Poetica 15, S. 34-65.

» Norbert Kohl: Oscar Wilde. Das literarische Werk zwischen Provokation und Anpassung.