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Die Entstehungsbedingungen des paradoxen Scheins

Beitrag 8: Paul Geyer über François La Rochefoucauld

Unsere Tugenden sind, zumeist, nichts als verkleidete Laster.

Die Laster finden Eingang in die Tugenden, so wie die Gifte in die Medizin.

Es gibt verschleierte Unwahrheiten, die der Wahrheit so ähnlich sehen, dass sich von ihnen nicht täuschen zu lassen, einem Mangel an Urteilskraft gleichkäme.

Wir sind so gewohnt, uns vor den anderen zu verstellen, dass wir uns am Ende vor uns selbst verstellen.

Die Liebe zur Gerechtigkeit ist bei den meisten Menschen nichts als Furcht, eine Ungerechtigkeit zu erleiden.

Einleitung zum Begriff des Paradoxen

Etwas Paradoxes gibt es nicht. Indessen ist der Glaube an das Paradoxe weit verbreitet.
Dieser Glaube beruht auf einer Anwendung des zeitlos-formallogischen Satzes von der Identität und vom Widerspruch auf Gegenstandsbereiche historischer Norm- und Wertsysteme. In der Terminologie von John Lyons| 1 |: Der Schein des Paradoxen entsteht, wenn Antonymien, das sind graduelle Oppositionen von der Art ,gut/böse’, ,Sein/Schein’, ,Identität/Alterität’, behandelt werden wie komplementäre oder Ausschließlichkeits-Oppositionen von der Art ,verheiratet/ ledig’. Wer z.B. meint, das Motiv einer Tat sei entweder gut oder böse, wer meint, die soziale Rolle, die er spielt, lasse sich säuberlich von seiner individuellen Identität trennen, wer also meint, einen Bereich der Eigentlichkeit von einem Bereich des Uneigentlich-Scheinhaften scheiden zu können, der findet sich – konfrontiert mit der menschlichen Wirklichkeit – in einem Wald von Paradoxien wieder. Er wird dann dazu neigen, die Paradoxie zum Existenzial des Menschlichen zu erklären...
„Dialektik des Paradoxen“ nenne ich den Dreischritt von der impliziten Paradoxie (Thesis) über die explizite Paradoxie (Antithesis) hin zur Aufhebung (Synthesis) des paradoxen Scheins durch die Einsicht in seine Entstehungsbedingungen. Die französische Moralistik ist die literarische Gattung, in der diese „Dialektik des Paradoxen“, noch unsystematisch, theoretisch scheinbar unverbindlich, schon einmal durchgespielt wird.
[...]

La Rochefoucaulds Maximes (1659-1680): Von der expliziten Paradoxie zur Einsicht in die Entstehungsbedingungen des paradoxen Scheins

Wie Pascal hätte La Rochefoucauld über Montaignes Essais sagen können:

Le sot projet qu'il a de se peindre. (Pensées (1656-1660) N°653)
[dt.: Sein lächerliches Vorhaben, sich darzustellen.]| 2 |

Aber La Rochefoucauld hätte es aus anderen Gründen gesagt als Pascal. La Rochefoucauld findet das Ich nicht etwa hassenswert, sondern er hält es für eine Fiktion. Töricht an Montaignes Vorhaben aber wäre gewesen, dass er seinem Ich auf den nichtfiktionalen Grund kommen wollte.
Neben dem Titelblatt der Originalausgabe von La Rochefoucauld Maximes et Réflexions morales aus dem Jahre 1665 ist eine allegorische Figur der Wahrheitsliebe abgebildet, die einer Senecabüste die selbstbeherrscht-heitere Maske vom leidenschaftszerfurchten Gesicht gerissen hat| 3 |. Mit Paul Bénichou kann man diese Demaskierungsgeste und La Rochefoucaulds Maximes insgesamt als Symptom für die entscheidende Wende in den „Moralbegriffen des großen, klassischen französischen Jahrhundert“ werten.| 4 | Das stoisch-heroische Persönlichkeitsideal der Frühklassik wird als falscher Schein entlarvt.
Der Verfasser der Maximes wusste, wovon er sprach. François VI., Herzog von La Rochefoucauld, von höchstem französischem Adel, war Teilnehmer der Fronde, jenes letzten Aufbäumens der Feudalaristokratie gegen den Absolutismus Mazarins und Ludwig XIV. Und er hatte sich, nach dem Scheitern der Fronde, begnadigen und, mit einer ansehnlichen Pension ausgestattet, zum Höfling domestizieren lassen. Mit seinen Maximes konnte La Rochefoucauld daher auf eine Art resignative Abrechnung mit seiner eigenen „heroischen“ Vergangenheit abzielen. In den Maximes wird er denn auch nicht müde, die verborgenen egoistischen Antriebe hinter dem schönen Schein der heroischen Tugenden der Großmut der Treue, der Tapferkeit, der Aufrichtigkeit, des Mitgefühls aufzudecken.| 5 | Er liegt damit auch im Trend des Jansenismus, der dem erbsündebeladenen und gnadebedürftigen Menschen die Kraft zur Tugend aus freien Stücken abspricht und jeden tugendhaften Anschein mit dem Verdacht jesuitischer Heuchelei belegt.| 6 | Als Bekräftigung derartiger Intentionen lässt sich das Motto deuten, das La Rochefoucauld seinem Werk in der Ausgabe von 1674 voranstellt:

Nos vertus ne sont, le plus souvent, que des vices déguisés. (Motto; d)
[dt.: Unsere Tugenden sind, zumeist, nichts als verkleidete Laster.]

Durch die für die Maximes so typische französische Konstruktion mit „n'est... que“ [„nichts als“]| 7 | werden scheinbare Tugenden auf eigentliche Laster zurückgeführt. Damit wird aber die Ausschließlichkeitsopposition ,Tugend/ Laster’ in ihrer Geltung gerade bestätigt. Erschöpfte sich darin die Bedeutung des erwähnten Titelblattes und die der Maximes, so wären sie nicht besonders originell. Schließlich ist die Entlarvung falschen tugendhaften Scheins ein Hauptanliegen aller Moralphilosophen und -theologen seit der Antike und Seneca eingeschlossen. La Rochefoucauld wäre hier nur etwas radikaler und pessimistischer als andere. Auch ließe sich dann nur schwer die eigentümliche Beruhigung erklären, die von Anfang an und bis weit in die Moderne hinein von seinen Maximes ausging.| 8 |
Diese produktive Unruhe, die La Rochefoucauld bewirkt hat, lässt sich m.E. darauf zurückführen, dass er die Suche nach den geheimen Motiven menschlicher Handlungen bis zum qualitativen Sprung intensiviert, wo der Diskurs der Eigentlichkeit selbst in Frage gestellt wird. Die Demaskierung des Demaskierers Seneca auf dem Titelblatt bedeutete dann nicht mehr nur, dass La Rochefoucauld den falschen Schein noch besser durch das eigentliche Sein zu entlarven beabsichtigte als Seneca, sondern dass er die Opposition ‚Eigentlichkeit/ Uneigentlichkeit’ selbst in Frage stellt. Ich will diese These an einigen Zitaten belegen. Dabei konstruiere ich eine logisch-systematische Entwicklung, die in den Maximes selbst, aufgrund ihrer bewusst unsystematischen Anordnung, so nicht zu finden ist. Bereits die Erstausgabe von 1665 (a) enthält aber alle logischen Entwicklungsstufen.
Zum einen neutralisiert La Rochefoucauld die Opposition ,Tugend/Laster’:

Les vices entrent dans la composition des vertus comme le poisons entrent dans la composition des remèdes. (n°182; a)
[dt.: Die Laster finden Eingang in die Tugenden, so wie die Gifte in die Medizin.]
Le persévérance n'est digne ni de blâme ni de louange, parce qu'elle n'est que la durée des goûts et des sentiments, qu'on ne s'ôte et qu'on ne se donne point. (n°177; a)
[dt.: Die Beständigkeit verdient weder Lob noch Tadel; sie ist nur das Fortbestehen von Neigungen und von Gefühlen, derer man sich nicht entledigt und die einem nicht zuteil werden.]

In einem zweiten logischen Schritt wird die Opposition ‚Sein/Schein’ neutralisiert:

Il y a des faussetés déguisées qui représentent si bien la vérité que ce serait mal juger que de ne s'y pas laisser tromper. (n°282; a)
[dt.: Es gibt verschleierte Unwahrheiten, die der Wahrheit so ähnlich sehen, dass sich von ihnen nicht täuschen zu lassen, einem Mangel an Urteilskraft gleichkäme.]| 9 |

Steht aber erst einmal das adäquate Repräsentationsvermögen des Denkens in Frage, dann verliert in einem letzten Schritt auch das Bollwerk der Selbstbewusstseinsphilosophie, das „cogito“, die „Einheit des Bewusstseins“| 10 | seine Selbstgewissheit:

Nous sommes si accoutumés à nous déguiser aux autres qu'enfin nous nous déguisons à nous-mêmes. (n°119; a)
[dt.: Wir sind so gewohnt, uns vor den anderen zu verstellen, dass wir uns am Ende vor uns selbst verstellen.]

Die Opposition ,Identität/Alterität’ bricht zusammen:

On est quelquefois aussi différent de soi-même que des autres.
(n°135; a)
[dt.: Man unterscheidet sich zuweilen so sehr von sich selbst wie von den anderen.]

Wir erinnern uns an eine fast gleich lautende Formulierung Montaignes. La Rochefoucauld hat hier das Stadium der expliziten Paradoxie erreicht, zu dem sich Montaigne von dem scheinbar gesicherten Diskurs der Eigentlichkeit aus immer wieder vorwagt. – La Rochefoucauld geht aber darüber hinaus. – Die Wende lässt sich schon in der berühmten ersten Maxime der Erstausgabe nachzeichnen, die La Rochefoucauld in den folgenden Ausgaben – wohl aufgrund ihrer untypischen Länge und des ebenso maximenuntypischen argumentativ-deduktiven Sprachduktus – gestrichen hat. In dieser Maxime versucht La Rochefoucauld den „amour propre“ [Eigenliebe] zu definieren, den er in einer posthumen Maxime (n°22) den Gott des Menschen nennt. In Aneignung und Säkularisierung des christlichen Begriffs der Eigenliebe| 11 | macht La Rochefoucauld den „amour propre“ zum Identitätszentrum des Menschen und zum „dieu caché“ [„versteckten Gott“]| 12 | seiner gesamten Maximes. In der ursprünglich ersten Maxime beschreibt er den „amour-propre“ zunächst als Inbegriff des Paradoxen:

Il est toust les contraires: il est impérieux et obéissant, sincère et dissimulé, miséricordieux et cruel, timide et audacieux. [...]; il est inconstant d'inconstance [...]; il est capricieux [...]. Il est bizarre. (Max. suppr. n°1; a: n°1)
[dt.: Sie {die Eigenliebe} beinhaltet alle Gegensätze: Sie ist herrisch und gehorsam, aufrichtig und heuchlerisch, barmherzig und grausam, schüchtern und dreist. {...}; sie ist unbeständig in ihrer Unbeständigkeit {...}; sie ist launisch {...}. Sie ist bizarr.]

„Bizarre“ meint im damaligen Sprachgebrauch etwas, das sich kategorialer Zuordnung entzieht, also das Paradoxe.| 13 | Hier erreicht der Diskurs des explizit Paradoxen einen Wendepunkt, von dem es kein Zurück gibt. La Rochefoucauld verharrt aber nicht im Paradoxen einer „negativen Anthropologie“| 14 |. Nachdem La Rochefoucauld vom Standpunkt der Ausschließlichkeitsoppositionen die Paradoxie des „amour propre“ noch einmal bekräftigt hat, wechselt er nämlich die Perspektive. Die Anwendung der Ausschließlichkeitsoppositionen hat zu ihrer eigenen Neutralisierung geführt und damit an eine Art Nullpunkt der Subjektivität. La Rochefoucauld gibt es nun auf, die Subjektivität mit dem traditionellen Diskurs greifen zu wollen. Noch in der ursprünglich ersten Maxime räumt er ein:

ses [de l'amour-propre] souplesses ne se peuvent représenter. (Max. suppr. n°1; a: n°1)
[dt.: Ihre {die der Eigenliebe} Formen lassen sich nicht wiedergeben.]

La Rochefoucauld weist auf die dynamische Struktur der Subjektivität hin, die eine identische Fixierung unmöglich macht:

c'est après lui-même qu'il court (ibid.)
[dt.: sie rennt sich selbst hinterher]

Inhaltlich reduziert La Rochefoucauld den „amour-propre“ schließlich auf den reinen Selbsterhaltungstrieb:

il ne se soucie que d'être (ibid.)
[dt.: sie sorgt sich nur um ihre Existenz]

Symmetrisch zur ursprünglich ersten Maxime steht daher auch die letzte (n°504; a), in der La Rochefoucauld den Tod zum einzigen wirklichen Antagonisten des „amour-propre“ erklärt. Die einzige Ausschließlichkeitsopposition, die in La Rochefoucaulds Maximes Bestand hat, ist die von Leben und Tod. – Aber die ist auch nicht vom Menschen selbst geschaffen. – Alle anderen Norm- und Wertoppositionen entstehen aus dem menschlichen Lebenszusammenhang heraus. Und La Rochefoucauld zeigt in vielen seiner Maximen bereits, wie sich aus dem lebensweltlichen Sein normatives Sollen erzeugt. Regulatives Prinzip der Ethik wird das Interesse:

L'intérêt est l'âme de l'amour-propre. (Max. posthume n°26)
[dt.: Das Interesse ist die Seele der Eigenliebe.]

Das Interesse, letztlich also der Selbsterhaltungstrieb schafft Wertoppositionen:

L'intérêt que l'on accuse de tous nos crimes mérite souvent d'être loué de nos bonnes actions. (n°305; c)
[dt.: Die Absichten, denen wir unsere Verbrechen anlasten, verdienen es oft, gute Handlungen zu beflügeln.]

Das wohlverstandene Eigeninteresse unterwirft sich Spielregeln des menschlichen Zusammenlebens:

L'amour de la justice n'est en la plupart des hommes que la crainte de souffrir l'injustice. (n°78; a)
[dt.: Die Liebe zur Gerechtigkeit ist bei den meisten Menschen nichts als Furcht, eine Ungerechtigkeit zu erleiden.]

Lebensdienliche soziale Werte erhalten identitätsstiftenden Charakter fürs Individuum und setzen eine wechselseitig sich verstärkende Anerkennungsdynamik in Gang:

L désir de mériter les louanges qu'on nous donne fortifie notre vertu; et celles que l'on donne à l'esprit, à la valeur, et à la beauté contribuent à les augmenter. (n°150; a)
[dt.: Das Begehren, die Lobpreisungen, die man uns zuteil werden lässt, zu verdienen, bestärken unsere Tugend; und die man dem Geist, dem Wert und der Schönheit gibt, tragen dazu bei, sie zu verstärken.]

Egoistische und altruistische Antriebe lassen sich nicht klar voneinander trennen:

Nous ne pouvons rien aimer que par rapport à nous, et nous ne faisons que suivre notre goût et notre plaisir quand nous préférons nos amis à nous-mêmes; c'est néanmoins par cette préférence seule que l'amitié peut être vraie et parfaite. (n°81; e)
[dt.: Wir können nichts lieben, das im Verhältnis zu uns selbst steht, und wenn wir unsere Freunde uns selbst vorziehen, dann tun wir nichts anderes, als unserer Neigung und unserem Vergnügen zu folgen; nichtsdestoweniger wird allein durch diese Bevorzugung die Freundschaft wahrhaftig und vollkommen.]

Der Gegensatz ,Vollkommene Selbstlosigkeit’ vs. ,Vollkommene Selbstsucht’ wird im dialektischen Anerkennungsprozess aufgehoben. Ausschließlichkeitsoppositionen werden zu graduellen Oppositionen:

La faiblesse est plus opposée à la vertu que le vice. (n°445; e)
[dt.: Die Schwäche steht der Tugend mehr entgegen als das Laster.]

Zwischen normativen Extremwerten liegt in der Realität eine breite Skala von Nuancen:

La parfaite valeur et la poltronnerie complète sont deux extrémités où l'on arrive rarement. L'espace qui est entre-deux est vaste, et contient toutes les autres espèces de courage. (n°215; a)
[dt.: Der vollkommene Wert und die größte Freiheit sind zwei selten erreichte Extreme. Der Bereich zwischen ihnen ist sehr groß und enthält alle anderen Arten des Mutes.]

Laster relativieren sich gegenseitig:

On est d'ordinaire plus médisant par vanité que par malice. (n°483; e)
[dt.: Für gewöhlich ist man eher durch Eitelkeit als durch Bosheit verleumderisch.]

Da das Individuum seine Identität über die zwischenmenschliche Anerkennungs- dynamik und damit auch aus den graduellen Wertoppositionen gewinnt, werden auch die Oppositionen ‚Identität/Alterität’, ‚Bewusstes/Unbewusstes’ graduell. Versicherte uns noch Montaigne, seine Essais seien ein „livre de bonne foy“ [Buch des guten Glaubens], und nicht etwa „de mauvese foy“ [des schlechten Glaubens], so wird die Opposition ,bonne foi/mauvaise foi’ [guter Glaube/schlechter Glaube] bei La Rochefoucauld komparativ: In den erst posthum veröffentlichten Réflexions diverses (XIII; p. 207 s.) spricht er davon, dass jemand „de meilleure foi“ [besseren Glaubens] sein könne als jemand anderer, ohne doch deswegen schon „de bonne foi“ sein zu müssen. So weit ich sehe, ist dies der erste Beleg dieser Steigerungsform von „bonne foi“. Damit bereitet La Rochefoucauld der modernen Bedeutung von „mauvaise foi“ den Boden, die ja keineswegs „bewusste Unehrlichkeit“ meint.
La Rochefoucauld führt uns vor, wie Paradoxien entstehen. Er lässt normative Ausschließlichkeitsoppositionen an der psychischen und sozialen Realität des Menschen in sich zusammenbrechen und erzeugt dadurch den Schein des Paradoxen. Dann aber wechselt er den Standpunkt und verlässt den Boden des Diskurses der Eigentlichkeit. Er zeigt, wie relative Wert- und Identitätsopposi- tionen aus der Dynamik menschlicher Lebens- und Bewusstseinsverhältnisse heraus geschaffen werden. Jenseits der Ausschließlichkeitsoppositionen ,Gut/ Böse’, ,Sein/Schein’, ,Ich/Nicht-Ich’ aber gibt es keine Paradoxien mehr, sondern nur die ständig revisionsbedürftige Arbeit des Begriffs an der Vielschichtigkeit des menschlichen Bewusstseins in der Geschichte. An Descartes und Kant vorbei ebnet La Rochefoucaulds Einsichtnahme in die Entstehungsbedingungen des paradoxen Scheins den Weg für eine Fundierung des Wissens vom Menschen in einem hermeneutischen Diskurs, der für die Dynamik historischer Bedeutungsfortschreibungen offen ist.

P. Geyer, 28. Februar 2005

Anm.: Oben stehender Text ist ein Auszug aus dem Essay „Zur Dialektik des Paradoxen in der französischen Moralistik: Montaignes Essais – La Rochefoucaulds Maximes – Diderots Neveu de Rameua“. Quelle: Das Paradox. Eine Herausforderung des abendländischen Denkes, hrsg. von Roland Hagenbüchle und Paul Geyer, 2. Aufl. Würzburg: Königshausen-Neumann, 2002, S. 385f. und S. 392-398.
Der Webmaster dankt Herrn Prof. Paul Geyer für die Schenkung des Buches, dem Verlag für die Veröffentlichungserlaubnis und Jana Stöckel für die Übersetzungen der Maximen ins Deutsche.

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  | 1 | John Lyons: Einführung in die moderne Linguistik, München: C.H. Beck, 1975.

  | 2 | Blaise Pascal: Péenses, hrsg. von M. Le Guern, 2 Bände, Paris: folio, 1977, in Band 2, S. 159.

  | 3 | François La Rochefoucauld: Maximes, suivies des Réflexions diverses, hrsg. Von J. Truchet, Paris: Class. Garn., 1967.

  | 4 | Paul Bénichou: Morales du Grand Siècle, Paris: Gallimard, 1948, S. 155-180.

  | 5 | z.B. Maximes n°246(a), 247(a), 221(a), 62(a), 463(e). Die Zählung der Maximen folgt der 5. Ausgabe von 1678; die Buchstaben kennzeichnen die Ausgabe, in der die jeweilige Maxime zum ersten Mal erschien: a=1665, b=1666, c=1671, d=1674, e=1678.

  | 6 | Louis Hippeau: Essais sur la morale de La Rochefoucauld, Paris: Nizet, 1967, S. 97-119.

  | 7 | Als „relation déceptive“ [dt.: „Konstellation der Enttäuschung“] beschrieben in: Roland Barthes: La Rochefoucauld. Le degré zéro de l'écriture suivi de Nouveaux essais critiques. Paris: Seuil, 1972, S. 69-88.

  | 8 | Gerhard Hess: Zur Entstehung der „Maximen“ La Rochefoucaulds, Köln/Opladen: Westdeutscher Verlag, 1957;
Margot Kruse: La Rochefoucauld en Allemagne. Sa réception par Schopenhauer et Nietzsche. Images de La Rochefoucauld. Actes du Tricentenaire, Paris 1984, S. 109-122;
Margot Kruse: Die Maxime in der französischen Literatur. Studien zum Werk La Rochefoucaulds und seiner Nachfolger, Hamburg: Hamburger Romanistische Studien, 1960.
Letztgenanntes Buch analysiert umfassend die Neubegründung der Kunstform ,Maxime’ durch La Rochefoucauld vor dem Hintergrund diachron und synchron verwandter Gattungen.

  | 9 | Die Argumentationsstruktur dieser Maxime weist schon auf den berühmten Hegelschen Satz voraus: „Das Wahre ist der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist“, Phänomenologie des Geistes (1807), S. 46.

| 10 | Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, §17.

| 11 | Hans-Jürgen Fuchs: Entfremdung und Narzissmus. Semantische Untersuchungen zur Geschichte der „Selbstbezogenheit“ als Vorgeschichte von französisch „amour-propre“. Stuttgart: Metzler, 1977, S. 190-266.

| 12 | Jacqueline Plantié: L'amour propre au Carmel: Petite histoire d'une grande maxime de La Rochefoucauld, RHLF 71, (1971): S. 561-573, auf S. 572.

| 13 | Fritz Schalk: „Das Wort BIZZAR im Romanischen“. Etymologica, Festschrift W. von Wartburg, Tübingen 1958, S. 655-679.

| 14 | Karlheinz Stierle: „Die Modernität der französischen Klassik. Negative Anthropologie und funktionaler Stil“, in: Französische Klassik, hrsg. von F. Nies und K. Stierle. München: Fink, 1985, S. 81-128, zeigt auf den S. 91-99, wie La Rochefaucauld die Negativität seiner Anthropologie im Sprachspiel der Maxime ästhetisch kompensiert; so ansatzweise auch in: Jean Starobinski: „Introduction“. La Rochefoucauld, Maximes, Paris (10/18) 1964, S. 7-35, auf den S. 15-20. La Rochefoucauld weist aber daneben auch einen diskursiven (protohermeneutischen) Weg aus der Paradoxie.

Über La Rochefoucauld

» Piero Toffano: La figura dell'antitesi nelle massime di La Rochefoucauld.

» Christoph Strosetzki: Hieroglyphentradition und Devisenkunst als Hintergrund der „Maximen“ von La Rochefoucauld.

» Karlheinz Stierle: „Die Moder- nität der französischen Klassik. Negative Anthropologie und funktionaler Stil“, in: F. Nies und K. Stierle (Hrsg.): Französische Klassik, S. 81-128.

» Margot Kruse: „La Rochefoucauld en Allemagne. Sa réception par Schopenhauer et Nietzsche“, in: Images de La Rochefoucauld. Actes du Tricentenaire.

» Odette de Mourgues: Two French Moralists. La Rochefoucauld et La Bruyère.

» Liane Ansmann: Die „Maximen“ von La Rochefoucauld.

» Roland Barthes: „La Rochefoucauld“. Le degré zéro de l'écriture suivi de Nouveaux essais critiques.

» Harald Wentzlaff-Eggebert: „Reflexion“ als Schlüsselwort in La Rochefoucaulds „Réflexions ou sentences et maximes morales“.

» Jacqueline Plantié: „L'amour propre au Carmel: Petite histoire d'une grande maxime de La Rochefoucauld“.

» Louis Hippeau: Essais sur la morale de La Rochefoucauld.

» Jean Starobinski: „Introduc- tion“ La Rochefoucauld, Maximes, S. 7-35.

» Margot Kruse: Die Maxime in der französischen Literatur. Studien zum Werk La Rochefoucaulds und seiner Nachfolger.

» Gerhard Hess: Zur Entstehung der „Maximen“ La Rochefoucaulds.

» Paul Bénichou: Morales du Grand Siècle.

» Jean Marchand: Bibliographie des Œuvres de La Rochefoucauld.