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Alles Gescheidte ist schon gedacht worden...

Beitrag 7: Harald Fricke über Johann Wolfgang von Goethe

Alles Gescheidte ist schon gedacht worden, man muß nur versuchen es noch einmal zu denken.| 1 |

Auch dieser gescheite Gedanke war vor Goethe ,schon gedacht worden’, und nach Goethe hat man weiter versucht, ihn ,noch einmal zu denken’. Wegen seiner zentralen Bedeutung für Goethes Grundüberzeugungen sei die Geschichte des Topos hier stellvertretend einmal etwas ausführlicher dokumentiert:

Vor Goethe:

Das Grundmotiv schon in Prediger Salomo 1,9: „Was ists das man gethan hat? Eben das man hernach wider thun wird / Und geschicht nichts newes unter der Sonne.“ (sprichwörtlich auch die Vulgata-Version: „Nihil novum sub sole“); vom Geschehen aufs Aussprechen übertragen bei Terenz: „Es ist noch nichts gesagt worden, was nicht schon früher gesagt worden wäre“| 2 |; leicht paraphrasiert in der Französischen Moralistik: „Alles ist schon gesagt worden, und man kommt um siebentausend Jahre zu spät, die nun schon Menschen existieren und denken“| 3 |; etwas positiver akzentuiert bei Alexander Pope: „Wahrhaft geistreich ist, wer die Natur vorteilhaft einzukleiden weiß: das nämlich, was schon häufig gedacht worden war, aber noch nie so gut formuliert“| 4 |; desillusionierend demgegenüber wieder bei Lichtenberg: „die feinste Bemerkung der Neuern ist gemeiniglich nichts als eine mehr individualisierte Bemerkung jener Alten.“

Bei Goethe:

U.a. die zentralen Stellen in den Nachträgen zur Farbenlehre: „So wie nicht leicht etwas Vernünftiges gedacht oder gesagt werden kann, was nicht irgendwo schon einmal gedacht oder gesagt wäre“| 5 |; im Faust II: „Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken / Das nicht die Vorwelt schon gedacht?“| 6 |; in den Wanderjahren: „Ist man treu, sagt sie, das Gegenwärtige fest zu halten, so wird man erst Freude an der Überlieferung haben, indem wir den besten Gedanken schon ausgesprochen, das liebenswürdigste Gefühl schon ausgedrückt finden [...] da er sich gar zu gern einbildet, die Welt fange mit ihm von vorne an.“| 7 |; schließlich im Gedichtvermächtnis: „Das Wahre war schon längst gefunden, / Hat edle Geisterschaft verbunden, / Das alte Wahre fass' es an.“| 8 |

Nach Goethe:

Neuerlich zum Sprichwort geworden ist die Fassung „Alles schon dagewesen“ (Ben Akiba, der das sagt, ist keine Erfindung von Kreuzworträtseln, sondern eine Figur in Gutzkows Schauspiel Uriel Acosta, 1846, IV,2); mit deutlichem Bezug auf die Goethe-Maxime leitet Ernst Bloch seine Abhandlung Avicenna und die aristotelische Linke ein: „Alles Gescheite mag schon siebenmal gedacht worden sein. Aber wenn es wieder gedacht wurde, in anderer Zeit und Lage, war es nicht mehr dasselbe. Nicht nur sein Denker, sondern vor allem das zu Bedenkende hat sich unterdessen geändert. Das Gescheite hat sich daran neu und selber als Neues zu bewähren.“| 9 |; und ebendiese Äußerung von 1952 setzt später Horst Stern als Motto über seinen magistralen postmodernen Roman Mann aus Apulien| 10 |.

H. Fricke, 3. Februar 2005

Anm.: Oben stehender Text wurde dem unter Fußnote 1 bezeichneten Buch (S. 541-543) entnommen und geringfügig modifiziert. Der Webmaster dankt dem Verlag für die Veröffentlichungserlaubnis.

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  | 1 | Reflexion-Nr. 1239 in: Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche [Frankfurter Ausgabe = FA]. I. Abt., Bd. 13. hrsg. v. Harald Fricke. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag, 1993.

  | 2 | „Nullum est iam dictum, quod non dictum sit prius“, im Prolog zur Komödie Eunuchus.

  | 3 | „Tout est dit, et l'on vient trop tard depuis plus de sept mille ans qu'il y a des hommes, et qui pensent“ (Jean de La Bruyère).

  | 4 | „True wit is Nature to advantage dress'd, / What oft was thought, but ne'er so well express'd“, in: Essay on Criticism.

  | 5 | FA I 25, S. 756.

  | 6 | FA I 7.

  | 7 | FA I 10, S. 387 f.

  | 8 | FA I 2, S. 685; vgl. dazu das Kapitel „Das alte und das neue Wahre“ in Stöcklein 1970, S. 280-289.

  | 9 | Bloch VII, S. 479.

| 10 | Stern 1986, S. 5.

Über J. W. v. Goethe

» Harald Fricke (Hrsg.): Sprüche in Prosa. Sämtliche Maximen und Reflexionen. Im Originalzusammenhang wiederhergestellt und erläutert von H. F.

» Harald Fricke: „Literaturtheo- rie und gelbe Zettel. Zur Neuedition von Goethes Spruchprosa“, in: Goethe- Philologie im Jubiläumsjahr – Bilanz und Perspektiven (hrsg. von Jochen Golz).

» Jürgen Jacobs: „Maximen und Reflexionen“, in: Goethe- Handbuch (hrsg. von B. Witte und P. Schmidt), Band 3: Prosaschriften.

» – über aphoristische Metaphorik und metaphorische Aphorismen in Goethes „Maximen und Reflexionen“, in: Offene Formen. Beiträge zur Literatur, Philosophie und Wissenschaft im 18. Jahrhundert (hrsg. von B. Brätigam und B. Damerau).

» Gerwin Marahrens: Über eine Neudefinition der Goetheschen Aphoristik.

» Harald Fricke: „Zur Geschichte von Goethes Aufzeichnungen und Sprüchen in Prosa“, in: Johann Wolfgang von Goethe, Sämtliche Werke, Bd. 13: Sprüche in Prosa. Sämtliche Maximen und Reflexionen.

» Harald Fricke: Gattungs- theorie und Textedition. Probleme ihres Zusammen- hangs am Beispiel von Goethes (?) „Maximen und Reflexionen“, in: Gattungstheorie und Gattungsgeschichte. Ein Symposion (hrsg. von Dieter Lamping und Dietrich Weber).

» Johannes John: Aphoristik und Romankunst. Eine Studie zu Goethes Romanwerk.

» Gerhard Neumann: Ideenpara- diese. Untersuchungen zur Aphoristik von Lichtenberg, Novalis, Friedrich Schlegel und Goethe, S. 604-736.