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Vom Sterben wissen

Beitrag 6: Friedemann Spicker über Hans Kudszus

Wer vom Sterben weiß, holt sich den Tod; die anderen holt er.| 1 |

Aphorismen sind Spiele des Denkens mit sich selbst. Deshalb bedienten sich ihrer niemals Propheten oder Heilige.| 2 |

Das Paradox der Existenz erzwingt die Existenz des Paradoxes.| 3 |

Kudszus’ höchsteigenes denkerisches Terrain ist mit dem Dreieck von Leben, Denken, Schweigen abgesteckt. Da ist vieles im Prinzip nicht neu, aber die konsequente Einheit von Leben und Denken bildet gewissermaßen den Fokus, der unerwartet neue Aspekte hervorkehrt und zu eindrucksvoll-nachhaltigen neuen Gestaltungen befähigt. In den Notizen zur menschlichen Existenz heißt es dazu:

Das Paradox der Existenz erzwingt die Existenz des Paradoxes.

An der Bedeutung, die Bruder Tod für ihn hat, ist das am ehesten, nicht am besten zu sehen. Wiederholt bedenkt er die Möglichkeit der Selbsttötung. Wie intensiv er mit dem Tod und der Tod mit ihm umgeht, wie er ihn vom Denken her (nicht-)bedenkt, das führt ihn (und uns) weiter als etwa den Freund Joachim Günther über die uralte Einsicht hinaus, dass Philosophieren sterben lernen heißt. Die Form, die Redewendung im Verein mit dem effektvollen Wechsel von Nominativ und Akkusativ, ist dem Bonmot verwandt, der denkerische Gehalt hebt den Aphorismus weit darüber hinaus:

Wer vom Sterben weiß, holt sich den Tod; die anderen holt er.

Das Herkömmliche dieser Mittel ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass es für ihn nicht äußere, beliebig einsetzbare und auf Wirkung kalkulierte Mittel bleiben. Nur sehr bedingt und einerseits sind für ihn Aphorismen „Spiele des Denkens mit sich selbst.“ Herausragend ist die geistige Zentripetalkraft, die sich ihrer bedient und die Aphorismen als Fragmente einer Anthropologie zusammenhält, in der Einsamkeit, Schweigen, Leiden, aber auch die Liebe Schlüsselbegriffe bilden.

Fr. Spicker, 12. November 2004

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  | 1 | Jaworte, Neinworte. Aphorismen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1970, S. 69.

  | 2 | Ebd., S. 63.

  | 3 | Die unmögliche Flucht. Notizen zur menschlichen Existenz. In: Neue Deutsche Hefte 12, 1965, H. 106, S. 79-81.

Über Hans Kudszus

» Gerd B. Achenbach: „Das Denken bei sich“ – Meditation einiger Aphorismen von Hans Kudszus.

» Friedemann Spicker: Der deutsche Aphorismus im 20. Jahrhundert. Spiel, Bild, Erkenntnis, S. 521-526.

» Harald Hartung: Ariadnefaden ohne Labyrinth. Rez. zu „Das Denken bei sich“.

» Wolf Jobst Siedler: Über Weisheit diskutiert man nicht. Aphorismen-Denker wiederentdeckt: Hans Kudszus’ vergessenes philosophisches Lebenswerk.

» Wer die Wahrheit liebt, muß den Zweifel heiraten.

» Es bleibt, die Spuren zu sammeln. Zum Gedächtnis Hans Kudszus’.

» Deutscher Sokrates. Hans Kudszus zum 75. Geburtstag.

» Joachim Günther: Zum 75. Geburtstag.

» Dieter Hildebrandt: Begegnung mit einem Aphoristiker. Ein Berliner Porträt.

» Herbert Heckmann: Rez. zu „Jaworte, Neinworte. Aphorismen“.

» Johann Siering: Rez. zu „Jaworte, Neinworte. Aphorismen“.