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Eine Gattung im Exil. Deutschsprachige Aphoristik nach 1933

Beitrag 5: Christoph Grubitz über diverse Aphoristiker

Eine Notlüge ist immer verzeihlich. Wer aber ohne Zwang die Wahrheit sagt, verdient keine Nachsicht.| 1 |

Wie vieles weiß man, bloß weil es einen nichts angeht!| 2 |

Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen.| 3 |

Behauptungen bedürfen des Geistes, Beweise nur des Scharfsinns.| 4 |

Der Aphorismus ist in der deutschen Literatur nicht irgendeine Gattung, sondern zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und 1933 ein Aushängeschild der missionierenden deutschen ,Dichter- und Denkernation’. Für Adorno, Canetti und Elazar Benyoëtz ist die erzwungene Aufspaltung der – auch sprachlichen – Identität als Staatsangehörige und Angehörige einer verleumdeten Minorität minderen Rechts ausschlaggebend.
Auf den kurzfristig besonders hohen Anteil mehrsprachiger und jüdischer Autoren an der deutschsprachigen Aphoristik besonders des 20. Jahrhunderts hat Harald Fricke in seiner Aphorismus-Monographie| 5 | hingewiesen. Er nennt unter anderem die Namen Karl Kraus, Hugo von Hofmannsthal, Kurt Tucholsky und Walter Benjamin. Frickes Hinweis auf die Tradition biblischer und talmudischer Spruchdichtung und die Nähe dieser Formen zur aphoristischen Sachprosa ist erhellend; für sich genommen reicht der Befund aber nicht hin, um verständlich zu machen, unter welchen Bedingungen die aphoristische Produktivität von Juden in Deutschland nun eben in diesem Zeitraum – nach gut 100 Jahren Assimilation – geradezu explodieren konnte. Oft waren die Väter dieser jüdischen Renaissancen verdiente Beiträger zum deutschen und österreichischen Industrie-Kapitalismus, ihre Söhne nahmen das Hin- und Herwenden der Worte, wie sie der Talmud empfiehlt, wieder auf – oft als ihre wichtigste Waffe gegen sozialen Ausschluss.
Für die Zeit nach 1933 verschärft sich die Situation: Ausschluss und komplexe, mehrfach gebundene Identität scheinen zwei der häufigsten Anlässe für gewichtige deutsche Aphoristik besonders nach 1933 zu sein. Die traditionelle Aphoristik ist seit Karl Kraus zumindest keine Dominante mehr im Gattungssystem der deutschen Literatur; während fragmentiertes Schreiben in der Philosophie der Kritischen Theorie und der Postmoderne durchaus dominiert. Charakteristisch ist auch die Suche nach diversen Allianzen: bei Adorno die westliche paramarxistische Linke und die ästhetische Antimoderne, bei Canetti die Anknüpfung an die Tradition selbstkritischer Aufklärer wie Lichtenberg, bei Benyoëtz die Tradition des historisch entfremdeten Blicks auf eine Sprache und Kultur.
Drei ihrer wichtigsten Vertreter schrieben entweder – wie Canetti und Adorno – im Exil oder schreiben – wie Elazar Benyoëtz – in Israel. Adorno hat die essayistisch-aphoristische Sammlung Minima Moralia in Kalifornien zwischen 1944 und 1947 verfasst. Publiziert wurde das Buch Minima Moralia erstmals 1951, breite Wirkung hatte es erst in der 68er Generation. Canetti ist als Nachkomme von spanischen Juden, die im Mittelalter aus Spanien vertrieben wurden, und gebürtiger Bulgare biographisch mehrsprachig aufgewachsen. Seine literarische Sozialisation hat er im Wien und Berlin der 20er und 30er Jahre erfahren. Er begann seine aphoristischen Aufzeichnungen 1942 im englischen Exil und beendete sie erst 1987. Der erste Band von Canettis Aufzeichnungen (1942-48) erschien 1965. Wie jener emigrierte Benyoëtz 1938 aus Österreich. Er war damals allerdings erst ein Jahr alt. In den 50er und 60er Jahren hat er zunächst einige hebräische Gedichtbände publiziert und in den 60er Jahren in Berlin das Archiv Bibliographia Judaica gegründet, das den Beitrag von Juden zur deutschen Literatur seit der Aufklärung festhalten will und heute der Universitätsbibliothek Frankfurt/Main angeschlossen ist. Er ist also auch hebräischer Lyriker und exzellenter Kenner der deutsch-jüdischen Geistesgeschichte. Seit 1969 hat er seine Literatursprache gewechselt und rund 30 Aphorismenbände in deutscher Sprache veröffentlicht. Eine Wende in seinem Werk brachte das Buch Treffpunkt Scheideweg (1990). Seither stellt er neben seine Aphorismen Auszüge aus seinem Briefwechsel und entlegene Zitate aus der deutsch-jüdischen Literaturgeschichte.

Chr. Grubitz, 3. November 2004

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  | 1 | Karl Kraus.

  | 2 | Elias Canetti: Die Fliegenpein. Aufzeichnungen. München: Hanser, 1992.

  | 3 | Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1951.

  | 4 | Elazar Benyoëtz: Eingeholt. Neue Einsätze. München: Hanser, 1979.

  | 5 | Harald Fricke: Der Aphorismus. Stuttgart: Metzler, 1984, S. 35 und 136.

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