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Das Geglaubte und das Ausbleibende

Beitrag 3: Christoph Grubitz über Elazar Benyoëtz

Das Wort sucht den Satz und ist seinem Ursprung und meinem Ziel unterwegs.| 1 |

Das Geglaubte bleibt nicht aus, es ist das Ausbleibende.| 2 |

Was tiefer geht, kann nicht weiter führen.| 3 |

Ein guter Aphorismus ist von erschöpfender, ein schlechter von ermüdender Kürze.| 4 |

Für Juden ist Distanz eine Form von Intimität.| 5 |

Der Israeli Benyoëtz publiziert seit den 1970er Jahren fast ausschließlich in deutscher Sprache und begann mit reinen Aphorismen-Sammlungen. Er verwebt seit dem Band Treffpunkt Scheideweg (Hanser 1990) in sein Werk immer deutlicher diese europäische Tradition mit der der vielstimmigen talmudischen Kommentare alter Worte. Daneben stehen stets die biblische Spruchdichtung und die nachsymbolistische Lyrik, die zu einer sozialgeschichtlichen Vereinzelung der Menschen wie des einzelnen Worts führt. Manierismus als Rettung von Individualität ist ähnlich wie bei Adorno von Benyoëtz:

Das Wort sucht den Satz und ist seinem Ursprung und meinem Ziel unterwegs.

Er selbst hat versucht, eine aphoristische Antwort auf seine Stellung in der deutsch-jüdischen Literaturgeschichte zu geben. Man könne „die deutsch-jüdische Literatur nicht verstehen, ohne ihre eigenen Voraussetzungen zu begreifen; nämlich dass sie von Juden für Juden und für Deutsche geschrieben worden ist...“| 6 | Benyoëtz hat diese Bemerkung in seinem 1990 erschienenen Buch Treffpunkt Scheideweg formuliert.
Benyoëtz führt damit – wie es der Titel des Buchs verspricht – an einen „Scheideweg“: Er erinnert damit an die Utopie des Dialogs, die sich mit der Entstehung der deutsch-jüdischen Literatur in der Aufklärung verbunden hat. Gegen die traditionelle Konsens-Fixierung der deutschen Öffentlichkeit nimmt er für sich in Anspruch, „nicht besser, sondern anders zu wissen“.
Diese subtile Kulturkritik bleibt nicht ohne Folgen für die religiöse Seite von Benyoëtz' Aphoristik. Religion ist hier nicht zu trennen von ihrer weltlichen Geschichte. Dabei spricht er zugleich eine Wahrheit über Religion und Utopie aus, die immer nur den ästhetischen Vorschein von einer besseren Welt haben können:

Das Geglaubte bleibt nicht aus, es ist das Ausbleibende.

„Glaube“ meint hier zunächst nicht mehr als die Möglichkeit, andere Wirklichkeiten zu denken. Solange das „Geglaubte“ immer „ausbleibt“, bleibt es auch immer als Vorstellung präsent. Wie dieser Aphorismus, so verspricht auch der Glauben hier nicht mehr (und nicht weniger) als das, was die logische Weltauffassung für die ästhetische offenlässt; in Ernst Blochs Formel etwa das Prinzip Hoffnung. Bezüge auf solche Utopien der Moderne sind – auch wo von Glaube die Rede ist – bei Benyoëtz immer möglich.
Das andere große Thema Benyoëtz' – die deutsch-jüdische Geschichte – ist in den Aphorismen oft im verwendeten sprachlichen Material präsent. So kritisiert Benyoëtz auch immer wieder Hochwertwörter der deutschen Tradition – wie „Tiefe“:

Was tiefer geht, kann nicht weiter führen.

Umgekehrt führt Benyoëtz auf verschiedenen textbildenden Ebenen Interferenzen aus dem jüdischen Kontext ein. Syntaktisch übernimmt er durchweg den Parallelismus membrorum der Psalmen und Spruchdichtung. Übertragen auf die Tradition der aphoristischen Gattungsreflexion hört sich das so an:

Ein guter Aphorismus ist von erschöpfender, ein schlechter von ermüdender Kürze.

Die grammatische Wiederholung weckt Hörlust und sabotiert die hierarchische Ordnung der Dinge in der Sprache. Das Verhältnis von Wortakzent und Wortstellung zur deutschen Semantik reizt Benyoëtz wie wohl keinen deutschen Aphoristiker vor ihm. Sein Spiel mit Eigenheiten der deutschen Rede und der verwalteten Welt gehört hierher.
Üblicherweise ist die persönliche Geschichte eines Autors seine Privatsache. Wo sie sich aber mit der allgemeinen Geschichte verbindet, geht es um Autorschaft als Zeugenschaft. Die neueren Werke thematisieren die öffentliche Einsamkeit der Menschen. In den Vordergrund tritt eine historisch angemessene Angst vor der Ohnmacht des Worts, für die es keine Adresse mehr gibt: Die Erfahrung ständig wachsender Teile der Weltbevölkerung, die, sich und den anderen entfremdet, herumirren. Thema des Buchs Der Mensch besteht von Fall zu Fall (Reclam 2002) ist ein Fanatismus, der seit der Shoa universell zu werden droht. – Angesichts des jederzeit möglichen Bombentods in Israel schreibt er in seinem Buch Finden macht das Suchen leichter (Hanser 2004):

Für Juden ist Distanz eine Form von Intimität.

Chr. Grubitz, 3. November 2004

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  | 1 | Treffpunkt Scheideweg. München: Hanser, 1990. Der Band ist eine Collage aus Aphorismen, Privatbriefen, Porträts und Zitaten zur deutsch-jüdischen Geschichte.

  | 2 | Worthaltung. Sätze und Gegensätze. München: Hanser, 1977.

  | 3 | Vielleicht – vielschwer. Aphorismen. München, Hanser, 1981.

  | 4 | Ebd.

  | 5 | Finden macht das Suchen leichter. München: Hanser, 2004.

  | 6 | S. 89.

Über E. Benyoëtz