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Aphorismen in der Minima Moralia

Beitrag 2: Christoph Grubitz über Theodor W. Adorno

Das Ganze ist das Unwahre.| 1 |

Schönheit der amerikanischen Landschaft: daß noch dem kleinsten ihrer Segmente, als Ausdruck, die unermeßliche Größe des ganzen Landes einbeschrieben ist.| 2 |

Wie manchen Dingen Gesten, und damit Weisen des Verhaltens einbeschrieben sind. Pantoffel – „Schlappen“, slippers – sind darauf berechnet, daß man ohne Hilfe der Hand mit den Füßen hineinschlüpft. Sie sind Denkmale des Hasses gegen das sich Bücken.| 3 |

Adorno hat sechs Aphorismenreihen im ansonsten essayistisch angelegten Buch Minima Moralia publiziert. Sie spielen – rein quantitativ – in seinem Werk eine scheinbar untergeordnete Rolle, stehen aber stilistisch in engem Zusammenhang mit seiner Ablehnung des geschlossenen Werks in der Literatur und logisch- diskursiver Anschauung in der Philosophie. Die kategoriale Entgegensetzung von Aphorismus und (hegelschem) System zu Beginn der Minima Moralia hat eine Zeit lang Schule gemacht.
In der Sammlung Minima Moralia wiederholen die eingeschobenen Aphorismen auf der Ebene der Textualität die Atomisierung des Buchs. Es ist aus drei Teilen und 153 ansonsten meist essayistisch numerierten Fragmenten komponiert. Die Aphorismen sind in seiner essayistischen Schreibweise weniger eine Gattung für sich, aber zwei Indizien sprechen dafür, sie als selbständige Gruppen eines Buchs zu behandeln. Zum einen kontrastieren die durchschussarmen essayistischen Passagen zu den vielen leeren Zeilen in den Aphorismen-Reihen. Diese signalisieren die gattungstypischen Stilgesten des nebenordnenden Offenlassens und des melancholischen Sammelns. Für Adornos Gattungsbewusstsein spricht die Tatsache, dass er Aphorismen jeweils unter einer Nummer verbunden – und dadurch zugleich von den essayistischen Sequenzen getrennt hat. Es war wohl vor allem ein Aphorismus, der in den gesellschaftskritischen Debatten der 60er Jahre Karriere gemacht hat: „Das Ganze ist das Unwahre.“ Wie das ganze Buch, so ist auch dieser Satz eine Kontrafaktur auf Hegel. In der Vorrede der Phänomenologie des Geistes hatte dieser behauptet: „Das Wahre ist das Ganze.“ Hegel formuliert hier einen gefährlichen Traum der Moderne: Das Ganze wird hier als Ausdruck des Wahren in einer als gut bewerteten Geschichte ausgegeben. Hegels Wahrheitsbegriff setzt voraus, dass wir in logischen Urteilen nicht bloß Tatsachen hypothetisch formulieren, sondern Teile der Wirklichkeit abbilden. Der Szientismus des 19. und 20. Jahrhunderts hat an dieser Anmaßung teil. Man könnte seine Replik auf Hegel und die mit seinem Namen verbundene Tradition auch dahingehend auffassen, dass die Rede vom „Ganzen“ die menschliche Erfahrung und Erkenntnis in anmaßender Weise übersteigt und das Einzelne ignoriert. Insofern ist es kein Zufall, dass das Wort „einbeschrieben“ zu den Lieblingswörtern der Minima Moralia gehört. Adorno „liest“ ganz buchstäblich Alltagsbeobachtungen:

Schönheit der amerikanischen Landschaft: daß noch dem kleinsten ihrer Segmente, als Ausdruck, die unermeßliche Größe des ganzen Landes einbeschrieben ist. [Hervorh. v. C. G.]

Wie manchen Dingen Gesten, und damit Weisen des Verhaltens einbeschrieben sind. Pantoffel – „Schlappen“, slippers – sind darauf berechnet, daß man ohne Hilfe der Hand mit den Füßen hineinschlüpft. Sie sind Denkmale des Hasses gegen das sich Bücken. [Hervorh. v. C. G.]

Das Raisonnieren und die Reflexion gehören für ihn zur Gattung der literarischen Aphoristik wie überhaupt zur historischen Ich-Schwäche. Der Philosoph und Schriftsteller Hans Blumenberg trifft mit kaustischem Humor diesen wunden Punkt moderner Reflexivität, wenn er sie als „die ,Reparatur’ einer Störung“ auffasst: einer Störung, die eine „Dysfunktion des organisch so bewährten Reiz-Reaktions-Systems“ betrifft.| 4 |
Als Stilgeste reicht Reflexion bei Adorno von der gebrochenen aphoristischen Form bis in die Stilgesten seiner Hypo- und Parataxen. Damit aktualisiert er das biblische Bilderverbot „als Verbot von Bildern über den Menschen und die Zukunft“ (Ulrich Sonnemann).

Chr. Grubitz, 3. November 2004

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  | 1 | Aus Nr. 29.

  | 2 | Ebd.

  | 3 | Aus Nr. 72.

  | 4 | Hans Blumenberg: Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1979, S. 78.

Über Th. W. Adorno

» Alexander García Düttmann: Das Gedächtnis des Denkens. Versuch über Heidegger und Adorno.

» Marina Calloni, Josef Früchtl: Geist gegen den Zeitgeist.

» Ludwig von Friedeburg, Jürgen Habermas (Hrsg.): Adorno- Konferenz 1983.

» Bernd Bräutigam: Reflexion des Schönen – schöne Reflexion. Überlegungen zur Prosa kritischer Theorie: Hamann-Nietzsche-Adorno.

» Über Theodor W. Adorno. Mit Beiträgen von Hans Kudszus, Jürgen Habermas u.a.