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Sinn und Bedeutung

Beitrag 1: Tobias Grüterich über Elazar Benyoëtz

Sinn hat nur das Zwecklose.| 1 |

Der Dichter schützt den Sinn der Worte vor ihren Bedeutungen.| 2 |

Nicht nur das Wort, auch der Sinn hat einen Klang.| 3 |

Setzt sich die Bedeutung, erhebt sich der Sinn.| 4 |

Die Worte umspähen die Dinge nur.| 5 |

In vielen Aphorismen thematisiert Elazar Benyoëtz die Sprache selbst. Darin stellt er keine Ausnahme dar, sondern befindet sich vielmehr in guter Gesellschaft. Dies schließt neben zeitgenössischen – Benyoëtz ist Jahrgang 1937 – Autoren auch die Aphoristiker vergangener Jahrhunderte mit ein.
Auffällig ist allerdings, dass Benyoëtz zwischen den Begriffen Sinn und Bedeutung scharf unterscheidet. Handelt es sich etwa nicht um Synonyme? Benyoëtz teilt dieses landläufige Verständnis nicht, beim ihm stehen Sinn und Bedeutung im Widerspruch zueinander: „Setzt sich die Bedeutung, erhebt sich der Sinn.“ Gewinnt das eine an Gewicht, wird das andere entsprechend bedeutungsloser.
Es ist aber nicht nur das Kräfteverhältnis zweier konkurrierender Dinge, das Benyoëtz im Blick (und im Sinn) hat. In den hier ausgewählten Aphorismen erscheint der Sinn als das Bessere, Höhere, die Bedeutung als das Geringere, Niedrigere. Es lohnt sich, zunächst nur das Wort „Bedeutung“ anzuschauen und dessen tieferer „Be-Deutung“ nachzugehen, nachzusinnen. Es lohnt sich sogar, die Vorsilbe „be-“ isoliert zu betrachten, denn auch Vorsilben sind nicht wertfrei. Bei „zer-“ z.B. drängt sich unweigerlich das Wort „zerstören“ auf. „Zer-“ bedeutet bereits „zerstören“, genauso wie das Präfix „be-“ auf eine Subjekt-Objekt- Konstellation, eine Geber-Empfänger-Beziehung, ein Aktiv-Passiv-(Macht)- verhältnis hinweist. Dies zeigen Begriffe wie: bedienen, bearbeiten, beschallen, bekämpfen u.v.a.m. Die Be-Deutung eines Wortes wäre dann nichts Ursprüngliches mehr, sondern all das, was ein Wort im Laufe der Zeit erfahren und erlitten hat.
Das Wort „deuten“ geht auf Althochdeutsch „diuten“ zurück, welches soviel meint wie: „für das (versammelte) Volk erklären, verständlich machen“. Das mittelhochdeutsche „bediuten“ steht für „andeuten, verständlich machen, anzeigen“. Der heutige semantische Gehalt (1. ausdrücken, den Sinn haben; 2. von Wichtigkeit sein) entwickelte sich viel später.| 6 | Gerade vor dieser Ineinssetzung von Sinn und Bedeutung warnt Benyoëtz; der Dichter ist jemand, der „den Sinn der Worte vor ihren Bedeutungen“ schützt und schützen muss.
Einerseits haben sich durch häufigen Gebrauch Worte verbraucht, andererseits wurden sie von verschiedensten Interessengruppen instrumentalisiert. Jene definieren, was wichtig, was bedeutend ist. Jene be-deuten Worte, versehen sie mit neuen Inhalten, geben ihnen eine neue Richtung, eine andere Tendenz. Worte werden nicht nur zweckgerichtet eingesetzt, sondern sind zuletzt auch an sich zweckgerichtet (Bsp.: Neusprech). „Sinn hat nur das Zwecklose“ – und all das, was noch nicht im Dienste eines bestimmten Zweckes „vor den Wagen gespannt“ wurde. Die indogermanische Wurzel des Wortes Sinn („sent“), von der sich auch das Wort „Sentenz“ ableitet, steht für „gehen, reisen, fahren, eine Richtung nehmen, eine Fährte suchen“ und verweist damit auf positiv konnotierte Begriffe wie Beweglichkeit, Freiheit, Autonomie. Auch die lateinischen Worte „sentire“ („fühlen, wahrnehmen“) und „sensus“ („Gefühl, Sinn, Meinung“) stehen etymologisch mit „sent“ im Zusammenhang.| 7 |
„Nicht nur das Wort, auch der Sinn hat einen Klang.“ Vielleicht liegt das Potential der Sprache, die mehr als nur ein ein-deutiges Kommunikationsmittel ist und auch „raunen“ kann, genau in dieser Musikalität. Nicht die offensichtliche Bedeutung, sondern der verstecktere Sinn eines Wortes lässt etwas anklingen. Dass (und wie) Sprache mit indirekten Mitteln arbeitet, belegt Benyoëtz' Hinweis: „Die Worte umspähen die Dinge nur.“

T. Grüterich, 14. Oktober 2004

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  | 1 | Einsätze. München: Gotthold Müller, 1975, S. 10.

  | 2 | Ebd., S. 28.

  | 3 | Worthaltung. Sätze und Gegensätze. München: Hanser, 1977, S. 46.

  | 4 | Vielleicht – vielschwer. Aphorismen. München: Hanser, 1981, S. 40.

  | 5 | Treffpunkt Scheideweg. München: Hanser, 1990, S. 94.

  | 6 | Duden. Das Herkunftswörterbuch, 2. Aufl. Mannheim/Wien/Zürich: Dudenverlag, 1989.

  | 7 | Ebd.

Über E. Benyoëtz

» Hans-Martin-Gauger: Der Horchideenzüchter. Stiller Prophet aus Jerusalem: Aphorismen von Elazar Benyoëtz. Rezension zu „Die Eselin Bileam und Kohelets Hund“.

» Christoph Grubitz; Ingrid Hoheisel; Walter Wölpert (Hrsg.): Keine Worte zu verlieren. Elazar Benyoëtz zum 70. Geburtstag.

» René Dausner: Schreiben wie ein Toter. Poetologisch- theologische Analysen zum deutsch-sprachigen Werk des israelisch-jüdischen Dichters Elazar Benyoëtz. Dissertation 2006.

» Hans-Martin-Gauger: Ist Gott ein Fremdwort? Sprach- schöpfertum: Der israelische Dichter Elazar Benyoëtz. Rezension zu „Finden macht das Suchen leichter“.

» Vereinigung der Freunde von Burg Rothenfels e. V. (Hrsg.): Konturen. Rothenfelser Burgbrief 1/2005 (Schwerpunktthema: Elazar Benyoëtz).

» Christoph Grubitz: „Das Ge- glaubte und das Ausblei- bende.“ Zur Aphoristik Elazar Benyoëtz'.

» Cristoph Grubitz: An den Grenzen der deutschen Sprache und über sie hinaus. Textland- schaften im Werk von Elazar Benyoëtz. Vortragsmanuskript zu einer Tagung auf Burg Rothenfels am Main.

» Simone Czelecz: Rezension zu „Finden macht das Suchen leichter“.

» Jakob Hessing: In der deutschen Sprache wohnen. Freigelassene Gedanken: Die Aphorismen des Elazar Benyoëtz. Rezension zu „Die Zukunft sitzt uns im Nacken“.

» Walter Helmut Fritz: Ideenparadies im Fraglicht. Aphorismen von Elazar Benyoëtz: „Die Zukunft sitzt uns im Nacken“.

» Wolfgang Mieder: „Des Spruches letzter Spruch ist der Widerspruch“. Zu den redensartlichen Aphorismen von Elazar Benyoëtz.

» Armin A.Wallas: Aphorismen von Elazar Benyoetz. Ein israelischer Schriftsteller aus Wiener Neustadt. Rezension zu „Variationen über ein verlorenes Thema“.

» Christoph Grubitz: Der israelische Aphoristiker Elazar Benyoëtz. Dissertation 1993.