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Baltasar Gracián (* 1601; † 1658)

Beim Belohnen ist es eine Geschicklichkeit, nie gänzlich zufrieden zu stellen.| 1 |

Der Spanier Baltasar Gracián, 1601 in Belmonte bei Calatayud geboren, war mit achtzehn Jahren dem Jesuitenorden beigetreten, hatte aber erst 1655, drei Jahre vor seinem Tode, seine erste religiöse Schrift verfasst, die auf wenig Resonanz stieß. Seine klerikale Laufbahn führte ihn an verschiedene spanische Jesuitenkollegien, wo er sowohl lehrte wie auch als Prediger wirkte. Von besonderer Bedeutung war sein Aufenthalt in Huesca, da er dort die Bekanntschaft von Vincencio Juan de Lastanosa machte, einem humanistisch gebildeten Aristokraten, der um sich einen Kreis von Gleichgesinnten, Schriftstellern und Künstlern versammelt hatte. Mit Gracián verbanden Lastanosa nicht nur enge freundschaftliche Beziehungen und gemeinsame Interessen; letzterer setzte sich auch tatkräftig für die Publikationen seines Freundes ein. Gracián machte sich zunächst einen Namen durch drei im barocken Pointenstil formulierte, unter Pseudonym veröffentlichte Werke, die in der Tradition von Castigliones Cortegiano und der damaligen tacitistischen Literatur Fragen des höfischen und politischen Verhaltens behandelten: El Héroe (Der Held, 1639), ein Vademekum der vollkommenen staatsmännischen Bildung, El político Don Fernando el Católico (1640), eine panegyrische Schrift über Ferdinand den Katholischen und El Discreto (Der kluge Weltmann, 1646), ein Kompendium zur weltklugen Lebensführung, das diverse Rezepte zur Kunst des gesellschaftlichen Umgangs enthält. Weltweite Beachtung fand seine 1647 unter Lastanosas Namen erschienene Aphorismensammlung Oráculo manual y arte de prudencia (Handorakel und Kunst der Weltklugheit), die in unsystematischer Anordnung dreihundert Aphorismen aneinander reiht, welche eine Fülle provozierender Gedanken zu einer Kunst der taktisch-klugen Lebensführung enthalten. Gracián veröffentlichte außerdem, ebenfalls unter Decknamen eine – bislang noch nicht ins Deutsche übertragene – imposante conceptistische Barockpoetik, zunächst unter dem Titel Arte de Ingenio. Tratado de la Agudeza (1642), dann, wesentlich erweitert, unter dem Titel Agudeza y arte de ingenio (Scharfsinn und Kunst der poetischen Kreativität, 1648). Einen letzten Höhepunkt seines Schaffens bildet sein hintergründiger allegorischer Roman El Criticón (Das Kritikon, 1651-1657), der eine mit den Stilmitteln erfindungsreicher Sprachkunst inszenierte, kritisch-desillusionierende Deutung des menschlichen Daseins aus einer rein innerweltlichen Perspektive vornimmt. Gracián geriet wegen der nicht autorisierten Veröffentlichung dieses Romans mit seinem Orden in Konflikt, erhielt Publikationsverbot, verlor sein Lehramt in Zaragoza und wurde eine Zeit lang unter Arrest gestellt. Nach Tarazona an das dortige Jesuitenkolleg verbannt, starb er dort bald darauf, gesundheitlich ruiniert, im Jahre 1658.
 
Der Webmaster dankt Prof. Karl Alfred Blüher für oben stehende Kurzbiographie.

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  | 1 | Aus Reflexion Nr. 181 in: Baltasar Gracián, Handorakel und Kunst der Welt-Klugheit (in der Übers. von Arthur Schopenhauer).

Bücher

» Obras completas (hrsg. von Emilio Blanco).

» Das Kritikon (übers. von Hartmut Köhler).

» Handorakel und Kunst der Weltklugheit (1862), übersetzt von Arthur Schopenhauer (hrsg. von Arthur Hübscher).

» Oráculo manual y arte de prudencia (hrsg. von Emilio Blanco).

» Der kluge Weltmann (übers. von Sebastian Neumeister).

» Der Held (übers. von Elena Carvajal Diaz und Hannes Böhringer).